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John Green: Tuberkulose – Die stille Bedrohung

Cindy

Hätte mir jemand gesagt, dass ich mal ein komplettes Buch über Tuberkulose lesen würde, ich hätte es nicht geglaubt. Ich konnte auch kaum glauben, dass John Green, Autor einer meiner liebsten Romane (“Das Schicksal ist ein mieser Verräter “) ein Sachbuch zum Thema Tuberkulose verfasst, aber das hat er getan und es hat mich bis zu letzten Seite gefesselt! Ich bin nun zwar kein Experte auf dem Gebiet, aber sehr viel schlauer als vor der Lektüre. Im Original heißt der Titel “Everything Is Tuberculosis ” und dem kann ich nur zustimmen.
Es war unglaublich spannend zu lesen, wie Tuberkulose mit großen geschichtlichen Ereignissen zusammenhängt und wie stark die Krankheit das Leben beeinflusst hat und leider in weiten Teilen der Welt noch beeinflusst. Greens roter Faden durch das Buch ist die Geschichte von Henry, den er vor ein paar Jahren in Sierra Leone kennengelernt hat. Henryleidet an einer sehr komplizierten und resistenten Form von Tuberkulose und Green kommt immer wieder zu ihm zurück. Als Leser habe ich mich permanent gefragt, wie Henrys Geschichte ausgehen wird. Es steht mehr als schlecht um ihn, denn Sierra Leone ist eines der Länder, in denen Tuberkulose stark verbreitet ist und viele Leben nimmt. Green fragt “Wie soll ich eine Welt akzeptieren, in der allein in diesem Jahr mehr als eine Millionen Menschen sterben wird, weil sie die Therapie nicht bekommt, die es seit fast einem Jahrhundert gibt?”.
Es hat mich mehr als schockiert, von der Ungerechtigkeit der Medikamentenverteilung zu lesen. Ein Leitsatz des Buches ist, die Medikamente sind dort, wo die Krankheit nicht ist. Wohlhabendende Länder wie Deutschland haben Zugriff auf die Medikamente, mit denen sich Tuberkulose behandeln lässt, doch es gibt fast keine Fälle hier. Zum Glück, denn durch den guten Zugang zur Medizin ist Tuberkulose beinahe vollständig verschwunden. Ganz anders sieht es in den armen Ländern der Welt aus. Die Pharmakonzerne tun ihr übriges, um die Kosten für die lebensrettenden Medikamente hoch zu halten und darunter müssen Million Familien leiden, die ihre Lieben an eine Krankheit verlieren, die sich gut behandeln lässt.
Ja, es ist eine schwere Lektüre und doch gelingt es Green mit seinem einzigartigen nüchternen Schreibstil (wie immer grandios übersetzt von Sophie Zeitz) eine gewisse Leichtigkeit unterzubringen und die Hoffnung hoch zu halten. Ich finde es unglaublich inspirierend, dass ein Individuum mit einer so großen Reichweite seine Stimme nutzt, um auf Ungerechtigkeit aufmerksam zu machen und etwas zum Positiven zu verändern. In mir hat das Buch viel ausgelöst. Ich betrachte es nicht mehr als selbstverständlich, in die Apotheke zu gehen und alles zu bekommen, was ich brauche. Es ist ein Privileg, dass viele nicht haben. Green gibt diesen Menschen eine Stimme und erzählt ihre Geschichte. Durch ihn lernen wir Henry und seine Mutter Isatu kennen und Tuberkulose fühlt sich plötzlich nicht nehr wie eine Krankheit an, die es von 100 Jahren mal gab. Tuberkulose fühlt sich plötzlich ganz nah an.
Ich fand dieses Buch wirklich unglaublich fesselnd und kann es nur jedem empfehlen. Wer “Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen?” mochte, der mag auch “Tuberkulose”.

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© Hanser

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