Sola - Feuer und Asche

Kapitel Drei

23.02.0114 (d.n.Z.), EW7-12-LS

Es passiert endlich was! Es gibt wohl einen neuen Plan. Ich dachte schon, ich würde versumpfen, wie alle anderen Menschen in Casacor, aber nein. Jetzt geht es erst richtig los.

 

0135 (d.n.Z.)

„Ganz sicher nicht!”, sagte ich, als Syxt ein himmelblaues Kleid vor mich hielt und mich, den Kopf schief gelegt, betrachtete.

„Die Farbe bringt deine Augen unglaublich zum Strahlen, du solltest es wirklich anprobieren!”, erwiderte meine beste Freundin nur und sah zwischen dem Kleid und meinem grauen Mantel hin und her. Syxt musste es vergessen haben- Ach, was. Sie interessierte es einfach nicht, aber ich zog schließlich nicht freiwillig jeden Tag, diese mausgrauen Kleider an. Wie bei allem anderen hatten die höheren Kategorien auch bei der Kleiderwahl einen Vorteil. Zumindest war es der Wille der Regierung gewesen, bereits an der Kleiderfarbe zu erkennen, wer welcher Kategorie angehörte. Diese Regelungen hatten sich nie wirklich durchgesetzt. Dennoch waren Blaue und rote Sachen hauptsächlich in den ersten drei Kategorien vertreten. Vor allem die Regierungsmitglieder trugen diese Farben häufig. Zwar gab es kein direktes Verbot für alle anderen, doch es galt als verpönt, wenn eine vier oder fünf etwas Rotes trug. Als Sieben war es meine Aufgabe in der Masse unterzugehen. Wenn das schon nicht durch meine Haarfarbe möglich war, dann doch wenigstens durch meine Kleider. Und die Leute behandelten einen tatsächlich netter – naja, zumindest beleidigten sie mich nicht, wenn ich so farblos wie möglich, also in weiß, grau und schwarz gekleidet war. Und jetzt stand Syxt allen Ernstes mit einem Kleid vor mir, das nicht sehr viel mehr um Aufmerksamkeit hätte schreien können.

„Nein”, wiederholte ich meine Worte und schaute mich nach etwas weniger Auffälligem um.

Nachdem wir Syxts Wohnhaus verlassen hatten, ohne die Möglichkeit uns umzuziehen, waren wir zurück in das Stadtzentrum gegangen, um in den wenigen offenen Läden nach etwas zu suchen, das weniger nach Arbeitstag aussah. Auf dem ganzen Weg war Syxt so unbeschwert wie schon lang nicht mehr gewesen. Sie schlenderte über die Gehwege und lachte erfreut über alles, was ich sagte. Die Passanten, die uns entgegenkamen, starrten uns entgeistert an und ich war mir zum ersten Mal in meinem Leben sicher, dass es nicht an mir lag. Ich wusste nicht recht, was ich von Syxts Stimmungsumschwung halten sollte. Einerseits freute ich mich für sie, andererseits machte ich mir Sorgen, ob sie es später nicht vielleicht bereuen könnte, sich für mich eingesetzt zu haben. Also nicht, das Einsetzen an sich, sondern viel mehr, dass es ihr Verhältnis zu ihren Eltern nicht unbedingt besser machte. Es tat mir unendlich leid für sie. Ich dachte daran, wie es sein würde, wenn Jare nicht für mich da wäre oder ich wirklich in eines der Kinderhäuser gemusst hätte. Ich wollte mir gar nicht vorstellen, was sie mit einer Sieben gemacht hätten.  Syxts Verhältnis zu ihren Eltern war nie leicht gewesen. Und mit ihren älteren Geschwistern war es auch nicht viel besser. Georgiana und Frederick waren das perfekte Zwillingspaar der Familie Ravensdale und das komplette Gegenteil ihrer jüngeren Schwester. Die beiden waren wirklich die Hölle. In der Öffentlichkeit waren sie immer die makellosen Kinder ihrer Eltern, doch sobald ich sie allein antraf, verwandelte sich ihr ignorant-zurückhaltendes Verhalten in Verachtung und Häme. Und dennoch waren sie dadurch auch irgendwie der Grund, dass Syxt und ich uns kennenlernten. Es war nur kurz, bevor meine Mutter starb. Zu der Zeit besuchte ich ab und zu eine Kindergruppe, wenn weder meine Mutter noch meine Urgroßmutter auf mich aufpassen konnte. Nana, so hab ich sie immer genannt, war ein halbes Jahr vorher friedlich eingeschlafen. Ich hatte bis dahin noch niemals Verlust erlebt gehabt. Das Gefühl, plötzlich allein zu sein war komplett neu für mich, obwohl es gar nicht stimmte, weil meine Mutter ja noch bei mir war. Und dennoch war es das erste Mal gewesen, dass jemand einfach so aus meinem Leben verschwunden war. Ich war furchtbar traurig darüber und vor allem wütend. Denn weil ich nicht wirklich verstand, was los war, war ich sauer auf meine Urgroßmutter, weil ich jetzt wo sie nicht mehr da war, häufiger in die Kindergruppe musste. Ich wollte das nicht, denn die Leute da waren so unfreundlich zu mir. Vor allem die anderen Kinder. Aber es ging nicht anders. Eines Tages dann kamen drei neue Kinder in diese Gruppe, aber nur zwei von ihnen fielen mir auf, weil sie mich demütigten und ärgerten, wie es nur Kinder konnten. Und dann war da plötzlich sie. Ich hatte mich bereits in so jungen Jahren daran gewöhnt, den Kindern mit den blonden Haaren aus dem Weg zu gehen. Und nun kam da dieses Mädchen, strahlend wie die Sonne, mit einer Mähne aus goldenem Haar zu mir, stellte sich wie auch heute vor mich und fragte ihre Geschwister, warum sie so blöd wären.

Als sie am nächsten Morgen wieder in die Kindergruppe kam, ihre Haare noch seltsam verfärbt orange wirkten und sie sich neben mich stelle und meinte: „Siehst du, jetzt bin ich auch eine Sieben. Jetzt kann dich niemand mehr beschimpfen, weil sie mich dann auch beschimpfen müssten und dann werde ich ihnen weh tun”, da wurde mir klar, dass dieses Mädchen anders war. Erst viel später hatte Syxt mir erzählt, dass ihre Eltern auf ihren Wunsch hin, rote Wandmalfarbe gekauft hätten, um ihr Zimmer zu streichen. Syxt hatte sich dann mitten in der Nacht ins Badezimmer geschlichen und ihre Haare in Farbe eingelegt. Ihre Eltern fanden sie am nächsten Morgen in der Badewanne, wo sie, ihre Haare blutrot und eingetrocknet, geschlafen hatte. Ich grinste bei dem Gedanken an diese Geschichte.

 

Das Kleid über das meine Hände jetzt streiften, hatte genau die gleiche seltsam orange-gelbe Farbe, wie Syxts Haare an diesem Morgen in der Kindergruppe.

„Was grinst du denn so?”, fragte sie nun und hielt bereits einen ganzen Stapel an Kleidern in der Hand, während ich noch immer gedankenverloren in der Mitte des Ladens herumstand.

„Ach nichts. Hast du was für dich gefunden?” Ich versuchte etwas von den Sachen, die sie im Arm trug zu erkennen, aber es war nur ein großes, buntes Knäul aus Kleidern.

„Für mich? Ich bin vor allem auf der Suche nach etwas für dich!” Syxt grinste breit und marschierte weiter durch den Laden. Die Frau, der der Laden zu gehören schien, beobachtete uns von der Seite und ihr Blick folgte mir nun durch den Laden, als ich Syxt hinterherlief.

„Hab ich erwähnt, dass meine Credits für diesen Monat aufgebraucht sind?” In Casacor bezahlten wir mit Credits, die uns zugewiesen wurden. Verschiedene Credits für verschiedene Sachen. Und wie bei allen anderen auch fiel die Menge der Credits für Siebener nicht besonders hoch aus. Vor allem nicht, wenn es um Credits für Kleidung ging. Natürlich konnte man sich durch Arbeit Credits hinzuverdienen, aber wirklich einen Unterschied machte das für mich nicht.

„Was hast du denn diesen Monat gekauft? Ein paar Socken?”, fragte Syxt sarkastisch und verdrehte die Augen. Ich blieb stumm, es waren keine Socken gewesen, sondern Strumpfhosen, aber es kam auf das Gleiche hinaus. Syxt schnaubte, als ich nichts sagte und sah sich nach einer Ablage für den Kleiderstapel auf ihrem Arm um. Schließlich platzierte sie die Sachen auf meinem Arm und holte ihre ID unter ihrer Jacke hervor. Sie warf einen kurzen Blick darauf, bevor sie sie wieder wegpackte und mir den Stapel wieder abnahm. „Keine Sorge, Len. Heute übernehme ich!”

„Das geht nicht!”, widersprach ich, doch Syxt schien mich gar nicht zu hören. „Mal ganz abgesehen davon, dass es nicht erlaubt ist”, zischte ich etwas leiser, „will ich nicht, dass du das machst. Das sind deine Credits und ich kann auch so ins TATEs gehen, also mach dir bitte keine Sorgen um mich.”

„So sollte es aber nicht sein.” Syxt klang verärgert. Ihre strahlenden Augen verdunkelten sich. „Ich finde es nicht gut, dass du so benachteiligt wirst und das weißt du auch. Also lass mich versuchen, es ein bisschen fairer zu gestalten.”

Ich versuchte noch eine ganze Weile, sie von dem Gedanken abzubringen, aber schließlich stand ich in einer der Umkleiden und probierte ein Kleid nach dem anderen an. Dabei hatten die alle so leuchtende Farben, dass es mich innerlich sträubte auch nur eines von ihnen anzuziehen.

 

Letztendlich hatte mich Syxt in ein laubgrünes, kurzes Kleid mit halblangen Ärmeln gesteckt. Sie hatte alle Einwände mit einer Handbewegung zunichte gemacht und stattdessen bezahlt. Syxt war meine beste Freundin, daran hatte nie ein Zweifel bestanden, doch manchmal fragte ich mich, was ich getan hatte, um sie zu verdienen.

„Was kann ich tun, um das wieder gut zu machen?”, fragte ich sie, als wir den Laden verließen.

„Du könntest deine Haare aufmachen, ein strahlendes Lächeln auf deinem Gesicht platzieren und den Abend genießen.” Dabei strich sie über das lavendelfarbene Kleid, was sie sich ausgesucht hatte und stolzierte wie die perfekte Eins, die sie war, über den Bürgersteig und ich folgte ihr. Dabei ignorierte ich die Passanten, die mir angewiderte Blicke zuwarfen, als ich meinen Dutt löste und sich die roten Locken über meinen Rücken ergossen. Es ist mir egal, versuchte ich mich in meinem Kopf davon zu überzeugen, es ist mir egal. Und auch wenn es mir nicht wirklich egal war, genoss ich doch das Gefühl, einmal nicht das zu tun, was alle Welt von mir erwartete. Ich lächelte bei dem Gedanken und versuchte die leise Stimme in meinem Hinterkopf zu ignorieren, die mir sagte, dass das keine gute Idee war. Ich ignorierte sogar, dass die Stimme so klang wie Jare und er nicht glücklich darüber wäre, wenn er mich jetzt sehen könnte.

 

Die Schlange vor dem TATEs war länger, als ich erwartet hatte. Normalerweise war hier nicht so viel los. Doch die Menge vor uns schien schnell kleiner zu werden. Ich war unglaublich froh darüber, dass ich meinen grauen Mantel wieder über das Kleid gezogen hatte. Es war Ende September und die Abende wurden immer kühler. Abgesehen davon, konnte ich so das Kleid noch eine Weile länger verstecken. Vor uns hörte ich zwei Stimmen miteinander diskutieren. Wobei diskutieren noch nett formuliert war. Es klang eher wie ein Streit. Ich versuchte einen Blick auf die Leute vor uns zu erhaschen, doch konnte nicht wirklich viel sehen. Es war bereits acht und die Sonne schon vor über einer Stunde untergegangen. Ich schaute zu Syxt. Auch sie schien herausfinden zu wollen, was vor sich ging, doch als ich ihrem fragenden Blick begegnete, erkannte ich, dass sie genauso ahnungslos war wie ich. Die Stimmen vor uns wurden lauter und ich erkannte nun, dass es sich um zwei Männer handeln musste. Dann verschwanden die Stimmen, als wieder ein Schwung von Menschen in die Bar gelassen wurde.

„Das klang ja nicht besonders gut”, sagte ich nur, ohne wirklich eine Antwort zu erwarten.

„Hast du gehört, worüber sie gesprochen haben?” Ich sah Syxt fragend an. Ich hatte keine Ahnung, sie waren zu weit entfernt gewesen, als dass ich auch nur jemanden hätte erkennen können, geschweige denn verstehen, worum es bei deren Streit ging. „Sie haben darüber gestritten, ob der Rave heute Abend eine gute Idee ist.” Ich zog die Augenbrauen in die Höhe, um meine Überraschung zu unterstreichen.

„Du hast echt verstanden, was sie gesagt haben?”, fragte ich Syxt und beobachtete, wie die Schlange vor uns wieder ein Stück kürzer wurde. Noch zehn Minuten, dann sollten wir es geschafft haben. Langsam wurde mir wirklich kalt. Sogar in meinem Mantel.

„Darum geht es mir nicht, Lennie”, begann Syxt erneut. „Verstehst du denn nicht?”

„Oh, ich verstehe sehr gut, wovon du redest, aber ich ignoriere es gekonnt, damit du diesen dummen Gedanken direkt wieder aus deinem Gehirn streichst.” Unter gar keinen Umständen. Absolut, überhaupt, niemals würde Syxt mich dazu kriegen, auf einen Rave zu gehen. Das mochte für die tollen Einser und Zweier kein Problem sein, was machte es ihnen schon, wenn sie von den Pacem dabei erwischt wurden und es in ihrer ID erschien. Sie waren schließlich Einser und Zweier, sie konnten sich das erlauben.

„Ach, komm schon!”, bettelte Syxt, dabei hatte sie noch nicht mal einen Plan, wo oder wann genau, was stattfinden sollte.

„Nein!”, wiederholte ich, diesmal eindringlicher. Für Syxt würde es kein Problem sein. Aber wenn man mich da erwischen würde! Eine Sieben! Sie würden mich vermutlich einsam und allein in das Gefängnis im Regierungssektor stecken, nur um ein Exempel zu statuieren. Bunte Kleider tragen und in eine Bar gehen, dafür wurde man als Sieben verpönt. Credits von anderen anzunehmen und meinen Tagesplan zu missachten war illegal. Aber auf einen Rave zu gehen… ich wüsste nicht, was sie mit mir tun würden. Diese Raves waren gefährlich. Nicht nur für mich. Für alle, die daran teilnahmen. Gerüchte über Rauschmittel, zu viel Alkohol und vor allem Rebellen, machten immer wieder die Runde. Hinter vorgehaltener Hand wurde über so was nur abseits der Sicherheitskameras gesprochen. Nur dann, wenn man sicher war, dass einem niemand zuhörte. Dann erfuhr man von diesen Partys in Kellern und alten Industriegebäuden. Partys bei denen die Menschen vergaßen, wo sie lebten. Partys, bei denen es keine Regeln gab. Man brauchte Kontakte, um überhaupt davon zu erfahren. Und wenn ein Rave stattfand, dann erfuhr man erst eine Stunde vor Beginn, wo man sein musste. Doch Syxt hatte gesagt, die beiden Männer hatten sich darüber gestritten, ob der Rave eine gute Idee war. Als würden sie ihn veranstalten. Das war übel, das wusste ich. Aber vor allem musste ich Syxt jetzt unbedingt davon ablenken, damit sie nicht einfach zu ihnen ging und sie offen darauf ansprach.

„Wir könnten nett fragen”, meinte sie nun und warf mir ein aufmunterndes Lächeln zu. „Ganz unverfänglich. Und wenn wir dann doch-„

„Nein, Syxt! Weißt du, was das für mich bedeuten könnte? Und auch für dich. Du könntest vielleicht deinen Praktikumsplatz verlieren!”

Sie winkte nur ab. „Sie könnten mich ins Gefängnis stecken!” Diesmal lachte sie.

„Wegen einer Tanzparty”, hörte ich sie prusten.

„Wegen einer illegalen Tanzparty”, zischte ich leise und sprach dann in normaler Lautstärke weiter. „Lass uns doch einfach den Abend genießen, Syxt! Und feiern, dass du endlich im Layla-Finley-Stuart-Hospital arbeiten darfst.” Nun standen wir direkt vor der Tür zum TATEs. Der Türsteher sah uns an.

„IDS?” Ich schaute zu Syxt und warf ihr einen flehenden Blick zu. Sie überlegte kurz, bevor sie nickte und ihre ID zeigte. Ich holte meine ID ebenfalls unter meinem Mantel hervor und nachdem der Türsteher sie gescannt hatte, gingen wir hinein.

 

Als wir durch die Tür ins TATEs traten, stieg mir sofort der Geruch von altem Leder, Schweiß und schalem Bier in die Nase. Ich warf einen Blick durch die Bar. Ein langer Tresen erstreckte sich bis ans Ende des Raumes. Überall standen Sessel und Stühle in jeder Farbe und Größe, die nicht wirklich zueinander passten. Unter unseren Füßen knirschten die Holzdielen – auch wenn es nur synthetisches Holz war, immerhin kein weißer Marmor. Die Wände sahen aus, als wären sie aus Backstein gebaut und überall hingen Gemälde und Poster. Die gegenüberliegende Wand des Tresens bestand vollkommen aus Glas, so dass man einen wunderschönen Ausblick auf den Platz und das Regierungsgebäude hatte. Am Ende der Bar war eine kleine Tanzfläche, auf der sich einige Menschen zu einem langsamen Lied bewegten, doch das Stimmengewirr und die Wärme, die uns entgegenschlug, ließ uns nach einem freien Tisch Ausschau halten. Mein Blick glitt an den Gemälden entlang. Während ich mich aus meinem Mantel schälte, hörte ich in meiner Nähe ein paar entsetzte Laute, doch ich ignorierte sie.

„Du siehst fantastisch aus”, schrie mir Syxt über den Lärm hinweg zu. Ich nickte und drückte die Schultern zurück, um ihr zu signalisieren, dass mich die Meinung der anderen nicht interessierte. Zumindest tat ich so, als würde sie mich nicht interessieren. Ich ließ meine Haare über die Schultern nach vorn gleiten und bemerkte erst jetzt, wie gut das Grün des Kleides und meine feuerroten Haare miteinander harmonierten.

Plötzlich zog mich Syxt an der Hand quer durch den Raum zu einem Tisch, von dem gerade eine Gruppe von Leuten aufgestanden war. Der Tisch stand direkt am Fenster und wir ließen uns erleichtert in die bequemen Sessel sinken. Bevor ich auch nur widersprechen konnte, war Syxt schon wieder aufgesprungen und rief „Ich hol uns was zu trinken!”, bevor sie davonlief und sich spielend leicht einen Weg durch die anderen Tische bahnte. Ich lehnte mich zurück und betrachtete fasziniert die Bilder an den Wänden. Immer wenn wir hier waren, konnte ich gar ich anders, als sie zu bewundern. Zwar waren es keine Originale und niemand wusste, ob die Bilder, die hier hingen, ihren Originalen auch nur in irgendeiner Weise ähnelten, denn sie wurden nur nach Erzählungen und Beschreibungen angefertigt, doch sie waren so künstlerisch, so elegant und irgendwie kultiviert, dass ich sie immer nur betrachten wollte. Vor allem eines der Bilder hatte es mir angetan. Es hing ganz hinten in der Bar, zwischen Tanzfläche und Toilettenräumen in einer Ecke, die sonst vermutlich nicht sehr viele Menschen zu sehen bekamen. Das Bild einer Frau in einem Boot. Sie trägt ein weißes Kleid und um sie herum im Wasser schwimmen Laubblätter und Schilf. Ihr Blick wirkt leidend, fast sehnsüchtig. Aber das faszinierendste an dem Bild sind ihre Haare. Ihre Haare leuchten kupferrot auf dem weißen Stoff ihres Kleides. Als ich das Bild das erste mal sah, war ich perplex gewesen. Warum sollte jemand seine Zeit damit verschwenden eine Sieben zu malen. Erst viel später wurde mir klar, dass das Kategoriensystem erst in Casacor eingeführt wurde und dass ich, hätte ich zweihundert Jahre früher gelebt, diejenige auf dem Bild hätte sein können, die ihre roten Haare stolz präsentierte, ohne Angst davor zu haben, wie andere es finden könnten. Ich überlegte, ob ich aufstehen sollte, um mir das Bild auch heute erneut anzuschauen, doch ich wollte den Tisch nicht verlassen, solange Syxt nicht da war. Ich ließ meinen Blick weiter durch die Bar wandern und bemerkte mehrere Augen, die mich unauffällig zu mustern versuchten. Andere starrten mich unverhohlen an und ich spürte ihre Abscheu förmlich auf der Haut. Dann erkannte ich Syxt an der Bar und war froh als sie unsere Getränke entgegennahm und sich zu unserem Tisch umdrehte. Da streifte mein Blick zwei dunkle Augen, die in meine Richtung stierten. Erst vermutete ich, dass es sich wie bei allen anderen um jemanden handeln musste, der es nicht gut fand, dass sich eine Sieben im gleichen Raum wie er aufhielt, doch in diesen Augen hatte keine Abscheu, kein Ekel oder Herablassung gelegen, sondern – ich konnte es nicht anders beschreiben – Neugier. Diese Augen schienen mich förmlich zu durchbohren. So warm und kalt zugleich und irgendwie kam es mir vor, als würde ich diese Augen schon mein Leben lang kennen.

Ich versuchte die dunklen Augen in der Menge wiederzufinden, doch wurde von Syxt unterbrochen.

„Ich weiß, ich weiß, es hat viel zu lang gedauert.” Sie kicherte. „Aber der Typ neben mir an der Bar war wirklich atemberaubend gutaussehend.”

Meine Gedanken waren noch bei den Augen, die in meine Richtung geschaut hatten und zu denen ich nun kein Gesicht ausfindig machen konnte.

„Hast du mir gerade zugehört?”, fragte Syxt nun und schob mir mein Glas mit einer ziemlich bunten Mischung über den Tisch. Ich hoffte, sie hatte die Ausschankgrenze nicht mit diesem einen Drink überschritten.

„Doch, doch. Wie sah er denn aus?”, fragte ich nun und gab die Suche nach dem dunklen Augenpaar seufzend auf.

„Ein Einser mit unglaublichen gräulich-blauen Augen und, oh mein Gott, Lennie, diese Augen wirkten als könnte man ihm bis in die Seele schauen”, schwärmte Syxt und ich musste lachen. Syxt war normalerweise nicht so kitschig-romantisch.

„Wo ist er denn?”, fragte ich sie, um mir selbst ein Bild von diesem Typen zu machen, der meiner besten Freundin den Kopf verdrehte. Sie schaute sich um, doch als ihr Blick wieder meinen traf, schien sie enttäuscht. Sie zuckte nur mit den Schultern. Er war weg.

„Naja, er wird schon wieder auftauchen”, erwiderte ich und schaute mich selbst erneut in der Bar um.

„Was hat er denn gesagt?”, fragte ich dann, um sie abzulenken.

„Er hat nur gefragt, wie ich heiße und ob ich allein hier sei.” Sie geriet schon wieder ins Schwärmen und ich grinste sie an. Dann nahm ich mein Glas und roch vorsichtig an der kunterbunten Mischung, bevor ich einen Schluck probierte. Die süße Flüssigkeit ließ meine Geschmacksknospen förmlich explodieren. So viele verschiedene Geschmacksrichtungen gleichzeitig und dazu noch die pure Süße. Mir lief ein Schauer über den Rücken. Syxt starrte mich aufmerksam an und als ich endlich geschluckt hatte und sie mit hochgezogenen Augenbrauen und aufgerissenen Augen ansah verfiel sie in Gelächter.

„Ja, der Typ an der Bar meinte, das könnte lustig werden.” Ich starrte sie weiter an, als wäre ich wütend, doch nahm schon den nächsten Schluck, um herauszufinden, was genau in diesem Cocktail drin war.

„Was ist da bitte drin?”, stieß ich hervor, als mich auch der zweite Schluck erzittern ließ. Es lag nicht mal am Alkohol. Meine Geschmacksnerven konnten sich einfach nicht entscheiden, ob das Ganze nun süß oder sauer war und wonach genau es schmeckte.

„Er wollte es mir auch nicht verraten”, lachte Syxt und nahm selbst einen Schluck von ihrem Getränk.

 

Eine Stunde später hatten wir zwei der seltsamen Cocktails getrunken und mich interessierte es nun wirklich nicht mehr, was die anderen Menschen in der Bar von mir dachten. Also zog ich Syxt auf ihre Füße und führte sie in Richtung der Tanzfläche.

„Endlich!”, schrie Syxt und tänzelte neben mir her zwischen den Tischen der anderen hindurch. Ich begann den Abend zu genießen. Nach allem was heute passiert war, fühlte sich der Tag an, als wäre er wochenlang gewesen. 568-GT, Kethlin Vasco, die Parade, Pius, der sich noch merkwürdiger verhalten hatte, als sonst in den letzten Monaten, in denen wir nicht mehr in der Schule waren. Ich tanzte es raus. All die Zweifel, die Angst, die Ungewissheit, ich schüttelte es ab, ließ es los und konzentrierte mich nur auf den Moment. Das Jetzt und Hier mit Syxt. Unsere Freundschaft. Die Dankbarkeit, die ich empfand, wenn ich daran dachte, was Syxt schon alles für mich getan hatte. Aber nicht nur Syxt sondern auch Jared. Jared, der mir zuhörte, wenn ich wieder den Glauben in die Welt verlor. Jared, der mir versuchte, die Welt zu erklären und immer, einfach immer einsprang, wenn irgendwer versuchte, mein Leben noch schwerer zu gestalten. Ich tanzte und lachte und Syxt tat es mir gleich.

Irgendwo aus der Ferne hörte ich laute Stimmen, aber ich ignorierte es. Ich öffnete für einen kurzen Moment die Augen und sah, wie Syxt, die Arme kreisend im Takt, den Kopf zur Musik bewegte. Es war schon lange her, dass ich mich so frei gefühlt hatte. So ungebunden durch meine Kategorie und so schwerelos von allen Verpflichtungen, meinem Tagesplan und der Erwartungen von anderen. Ich war ich und ich-

 

Ich spürte, wie mich etwas hartes, großes traf und ich den Halt unter den Füßen verlor. Ob es am Alkohol lag oder an der Wucht, die mich getroffen hatte, wusste ich nicht. Ich weiß nur, dass ich fiel. Viel zu langsam übrigens, zumindest kam es mir so vor. Und als ich die Augen endlich öffnete, lag ich bereits auf dem Boden und etwas Nasses breitete sich auf meinem Oberkörper aus.

„Dein fucking Ernst?”, schrie eine Stimme viel zu nah an meinem Ohr und erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich nicht die Einzige war, die am Boden lag. „Verdammt, was soll der Scheiß, Rogue?”

Ich spürte Hände an meinem Kopf und erkannte Syxt, die links neben mir hockte und mich nach Verletzungen absuchte. In meinem Blickfeld tauchten jetzt kurze, strohblonde Haare und helle grau-blaue Augen auf. Sie schauten mich an.

„Hey, tut mir leid. Alles klar bei dir?”, fragten sie nett. Ich nickte nur und versuchte, Syxts Hände loszuwerden.

„Mir geht es gut”, sagte ich mit mehr Nachdruck als nötig gewesen wäre und schaute dabei Syxt an. Sie erwiderte meinen Blick besorgt.

„Bist du sicher?”, fragte sie vorsichtig. Ich nickte ihr nur zu und drehte mich wieder zu der fremden Stimme um, deren Körper mir nun eine Hand hinhielt, um mir aufzuhelfen. Ich ergriff sie dankbar und ließ mich auf die Beine ziehen. Dabei sah ich, wie Syxt die Eins, die mich umgestoßen hatte böse ansah.

Ich schaute ihn nun ebenfalls an und erstarrte. Verdammt, sah der gut aus. Seine zerzausten blonden Haare hingen ihm leicht in die Stirn und die Grübchen, die sich jetzt neben seinen Mundwinkeln auf dem kantigen Gesicht bildeten, waren zum Dahinschmelzen.

„Tut mir wirklich leid, was da gerade passiert ist”, sagte er nun. Jetzt wo ich neben ihm stand, war er fast einen Kopf größer als ich und unter seinem blauen Hemd zeichneten sich muskulöse Arme ab.

„Das sollte es auch!”, kam mir nun Syxt zur Hilfe nachdem ich immer noch nichts gesagt hatte. Mein Kopf tat weh, an der Stelle, an der ich auf dem Holzboden aufgekommen war und ich nahm das gern als Entschuldigung dafür, dass ich noch immer nicht sprach. Sie starrte ihn zornfunkelnd an. In meinem Kopf klarten die Gedanken dagegen langsam wieder auf und mir wurde schlagartig bewusst, dass ich eine Sieben und er eine Eins war und dass er sich gerade bei mir entschuldigt hatte! Er hatte sich bei mir entschuldigt!

„Syxt-“, begann ich mit besänftigend erhobener Hand, doch sie ließ mich gar nicht aussprechen.

„Was genau sollte das denn werden?”, fragte sie nun, doch die Eins sah nun wieder mich an, nachdem er mit seiner entschuldigenden Miene bei Syxt nicht weiterkam.

„Ich bin Nour! Entschuldige, dass du gestürzt bist”, sagte er und hielt mir erneut die Hand hin. Ich nahm seine Hand, trotz Syxts heftiger Einwände. Während ich Nours Hand schüttelte, sah ich Syxt fragend an, die mich in Grund und Boden zu starren schien, doch ich wusste nicht, was das bedeuten sollte, also wandte ich mich wieder Nour zu.

„Aleyna”, erwiderte ich.

„Tut mir leid, wegen des Kleides, Aleyna.” Erst jetzt sah ich an mir hinunter und erkannte, dass mein Kleid von oben bis unten durchnässt war und nach Bier stank.

„Hast du’s dann bald?”, unterbrach ihn eine kalte, gelangweilte Stimme. Als ich den Kopf hob, um über Nours Schulter die Quelle dieser Stimme ausfindig zu machen, um einen bissigen Kommentar loszulassen, blickte ich plötzlich in dunkle Augen und verstummte. Es waren blaue Augen, wie ich nun erkannte. Von Weitem hatte ich nicht erwartet, dass sie blau waren. Aber das waren sie und sie starrte mich an. Genau wie vorhin. Verdammt. Es waren diese dunklen Augen.

Fortschritt
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