Sola - Feuer und Asche

Kapitel Vier

24.02.0114 (d.n.Z.), EW7-12-LS

Jared ist verdammt wütend. Ich weiß nicht, was ich noch tun soll. Er versteht einfach nicht, dass ich es tun muss. Dass ich gar keine andere Wahl habe, um meine Fehler wieder gut zu machen. Ich will doch nur diese elendige Schuld loswerden, die meine Tage prägt. Ich will doch nur mal wieder frei atmen können.

 

0135 (d.n.Z.)

Diese dunklen Augen gehörten zu dem Mann, der jetzt hinter Nour getreten war und wortwörtlich auf mich und Syxt hinabsah. Er war sogar noch ein kleines Stück größer als Nour und trug eine schwarze Lederjacke, zu schwarzen Jeans und Boots. Seine dunkelbraunen Haare waren an der Stirn etwas länger und scheinbar nachlässig nach hinten gelegt als würde er sich ständig durch die Haare fahren, doch diese ihm bei jeder sich bietenden Gelegenheit wieder in die Stirn fallen. Ein Bartschatten überzog sein kantiges Gesicht und eine kleine Narbe durchschnitt eine seiner weich geschwungenen Augenbrauen. Nour sah auf eine Art und Weise gut aus, die fast schon zu perfekt war. Zu schön, um wahr zu sein. Dieser Mann dagegen sah gefährlich aus. Gefährlich heiß. Und ich starrte ihn an. Zu lang, wie mir nun auffiel, denn er hatte es bemerkt. Ein selbstgefälliges Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus und obwohl sich alles in mir dagegen sträubte, machte es ihn nur noch attraktiver.

»Sag Bescheid, wenn du genug hast«, sagte er mit tiefer, rauer Stimme und einem obszönen Grinsen. Und mit einem Mal war die Anziehung und die Bewunderung für sein Äußeres wie weggeblasen. Was für ein arrogantes Arschloch. Ich senkte den Blick. Mir fiel keine annähernd passende Erwiderung ein, die mich nicht als den schmachtenden Idioten dargestellt hätte, der ich war.

»Ich weiß, so etwas wie Anstand kennst du nicht, Rouge«, rettete mich Nour und sah dann wieder zu mir und meiner besten Freundin. »Aleyna, Syxt, das ist mein … Kollege, Rogue. Er ist für diesen kleinen Unfall verantwortlich. Nicht wahr, Rogue?« Nour schaute sich erneut zu ihm um und mir fiel auf, dass ich keine Ahnung hatte, woher Nour Syxts Namen kannte. Was war Rogue überhaupt für ein Name. Seine Eltern mussten ihn gehasst haben. Ich schaute ebenfalls zu Nours…Kollegen – das klang in meinen Ohren nicht sehr überzeugend – doch wich seinem Blick schnell aus. Sein Gesicht zierte immer noch dieses arrogante Geht-mir-am-Arsch-vorbei-Grinsen. Er zuckte mit den Schultern und seufzte.

»Kann schon sein, können wir dann jetzt gehen?« Langsam kam er mir vor wie ein kleines Kind!

»Ich muss mich erneut entschuldigen«, sagte Nour nun wieder an mich und Syxt gerichtet und verdrehte die Augen in Richtung Rogue. »Er ist heute wieder unausstehlich.«

»Ich an deiner Stelle würde mir überlegen, was ich sage. Schließlich bin ich dein Boss.« Seine Stimme klang nun gar nicht mehr überheblich verspielt, wie noch gerade eben, sondern wurde wieder tief und rau, doch ohne jede Spur von Humor. Er meinte es offenbar ernst. Seine Augen wanderten wieder zu mir und er erwischte mich erneut dabei, wie ich ihn anstarrte. Na toll. Diesmal blieb mir jedoch ein Kommentar erspart. Er starrte nur, genauso wie ich. Ich konnte mich gar nicht losreißen von ihm. Es war, als würde sein Blick meinen gefangen nehmen. Festhalten. Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Wusste ich es doch! Ich holte hörbar Luft und ein leichtes Lächeln erschien für den Bruchteil einer Sekunde um seine Lippen. Volle, perfekt gebogene Lippen. Verdammt. Was sollte das? Ich riss mich los und schaute zu Boden. Das konnte ich wirklich gut. Beschämt zu Boden schauen, aber als Sieben war das im Grunde genommen auch nicht überraschend.

»Wie ich bereits sagte, würde ich es vorziehen, heute hier zu bleiben«, sagte nun wieder Nour und schaute dabei Syxt an und während ich ihn so beobachtete und sah, wie Syxt rot anlief, ging mir plötzlich ein Licht auf. Nour war der Typ vom Tresen, von dem Syxt mir erzählt hatte. Daher kannte er ihren Namen und deshalb schien sie so verlegen und zurückhaltend in seiner Nähe zu sein.

»Ich habe dir ja gerade gezeigt, was ich von dieser Idee halte«, erwiderte Rogue und ging zurück zum Tresen, um sich ein neues Getränk zu bestellen, während ich immer noch tropfnass dastand und ihm nachschaute.

»Wenn ihr kurz wartet, gebe ich euch als Entschädigung gleich was zu trinken aus. Ich muss das nur kurz klären.« Damit verschwand er und ließ uns allein zurück. Was für ein absolut verrückter Tag. Was für ein verrückter Kerl und doch konnte ich nicht aufhören, über den Blick nachzudenken, den er mir zu Beginn des Abends zugeworfen hatte. Was wollte er und warum war er so unfreundlich gewesen? Schließlich waren es nicht Syxt und ich gewesen, die ihn umgestoßen hatten. Und er hatte auch nicht meinen Drink auf seinem Hemd. Ich wusste nicht, was ich von ihm halten sollte. Diese widersprüchlichen Gefühle, die in meinem Inneren tobten, halfen kein bisschen meine wirren Gedanken zu beruhigen. Er war…tja, keine Ahnung…auf jeden Fall intensiv.

»Los, lass uns versuchen, das Bier aus deinem Kleid zu bekommen«, unterbrach Syxt mich und deutete zu den Toilettenräumen. Ich nickte und ließ mich von ihr wegführen. Dabei kamen wir an meinem Lieblingsgemälde vorbei, doch heute streifte mein Blick es nur flüchtig.

 

 

»Er ist toll, oder?«, fragte mich Syxt nach minutenlangem Schweigen, in dem wir versuchten, die Flecken aus meinem wunderschönen Kleid zu waschen. Ich hatte mich bereits gewundert. Syxt war eigentlich niemand, der lange schwieg. Aber ich war in meine Gedanken versunken gewesen und sie in ihre und so hatten wir nur vor dem Waschbecken gestanden und abwechselnd mit nassen Tüchern auf dem riesigen Fleck gerubbelt, der den Großteil meines Kleides bedeckte.

»Er war sehr nett«, begann ich und überlegte, wie viel ich noch sagen sollte.

»Im Gegensatz zu seinem Freund«, beendete Syxt meinen Gedankengang und ich grinste sie an. Damit war das Eis, was sich unbemerkt zwischen uns gebildet hatte, gebrochen. Es erschrak mich, dass so etwas bei uns überhaupt möglich war. Wo sollte die Distanz herkommen? Wir erzählten uns schließlich alles. Syxt schien das Gleiche zu denken, denn sie atmete erleichtert auf und strahlte mich dann mit ihrem typischen Grinsen an.

»Er war wirklich unmöglich«, pflichtete ich ihr bei. »Warum müssen die gutaussehenden Typen immer Idioten sein?«

»Du findest ihn also gutaussehend?«, fragte mich Syxt mit erhobenen Augenbrauen.

»Du musst blind sein, wenn du ihn nicht attraktiv findest.« Ich versuchte, meine Verlegenheit mit einem Lachen zu überspielen und dachte darüber nach, wie ich ihn gemustert hatte und wurde nur röter, als ich an seinen Kommentar dachte. Wie konnten mich so wenige Worte nur so aus der Fassung bringen. Normalerweise war ich doch recht schlagfertig. Ich meine, ich hielt es oft zurück. Schließlich musste man als Sieben immer auspassen, was man sagte. Aber gerade heute Abend wollte ich doch vergessen, dass ich eine Sieben war und endlich mal loslassen. Ich hätte etwas sagen wollen, aber Rogue hatte mich einfach unvorbereitet getroffen.

»Was ist das überhaupt für ein Name? Rogue?«, sprach ich meinen Gedanken von vorhin aus.

»Absolut lächerlich«, meinte Syxt und lachte wieder. »Ich meine, wenn er diesen Namen wirklich von seinen Eltern hat, dann tut er mir leid und sollte es ein Spitzname sein, dann frag ich mich wirklich, wer seine Freunde sind.«

»Mir tut er ganz und gar nicht leid, schließlich hat er dein wunderschönes Kleid ruiniert.«

»Dein wunderschönes Kleid«, widersprach Syxt und schaute an mir hinab. »Aber ich denke, das wird wieder. Nur musst du jetzt halt nass weiter tanzen.«

Ich schluckte. Eigentlich hatte ich erwartet, dass wir uns auf den Heimweg machen würden. Ich wollte gar nicht wissen, was dieser Tag sonst noch so für mich in petto hatte.

»Ich werde ganz bestimmt nicht weiter tanzen, Syxt. Ich will nur noch nach Hause!« Ihrem Gesichtsausdruck sah ich an, dass sie das ganz sicher nicht vorhatte.

»Aber-«, begann sie, doch dann schüttelte sie enttäuscht den Kopf und nickte. Sofort bekam ich ein schlechtes Gewissen. Ich wollte meiner besten Freundin auch nicht den Abend vermiesen, auch wenn meiner schon gar nicht mehr schlimmer werden konnte. Verdammt!

»Ich meine, wenn du unbedingt willst-«, begann ich, doch ließ den Satz in der Luft hängen. Syxt klatschte begeistert in die Hände.

»Ich will. Und vor allem will ich Nour! Und ich weiß, dass ich absolut kein Recht habe, dich darum zu bitten, weil dein Tag wirklich nicht gut war und du sowieso immer alles für mich tust. Aber ich finde ihn wirklich, wirklich toll und deswegen bitte ich dich nicht darum, sondern frage ganz vorsichtig, ob du dich nicht ein bisschen mit dem Griesgram unterhalten und ihn ablenken könntest. Weil damit würdest du mir wirklich den allergrößten gigantischsten Gefallen tun, denn Nour ist wirklich, wirklich-« Ich schloss verzweifelt die Augen, was Syxt zum Stocken brachte. Wenn sie nervös wurde, redete sie wie ein Wasserfall.

»Und schließlich habe ich dir dieses wunderschöne Kleid gekauft.«

»Versuchst du, mich gerade zu erpressen?« Gegen meinen Willen musste ich lachen.

»Nein, absolut nicht. Ich benenne nur die Tatsachen.« Auch Syxt lachte und wir musste wirklich ein seltsames Bild abgeben. So allein in der Damentoilette. Zwei leicht angetrunkene Frauen. Eine Eins und eine Sieben, die wie kleine Mädchen kicherten und sich nicht mehr bremsen konnten. Aber was machte das schon. Wirklich schlimmer konnte es doch nicht mehr werden, oder?

»Okay«, sagte ich, als wir uns beruhigten. Das Leuchten in Syxts Augen hätte in diesem Moment auch die dunkelste Nacht erhellt. Ich konnte ihr einfach nichts abschlagen. Abgesehen davon fand ich Nour auch wirklich nett. Er schien der geborene Gentleman zu sein. Ich würde mich für Syxt freuen, wenn sie endlich jemanden finden würde, der genauso von Grund auf gut war wie sie. Nur sein Geschmack in Sachen Freunde, den sollte er vielleicht noch mal überdenken.

 

 

Nour winkte uns zu sich und Rogue an einen der Tische, als wir aus den Toilettenräumen kamen. Der Tisch stand etwas abseits und bot Schutz vor den Blicken der anderen Bargäste. Nun starrten sie mich nicht mehr nur wegen meiner roten Haare an, sondern auch noch wegen des riesigen Flecks auf meinem Kleid. Großartig. An Aufmerksamkeit hatte es mir wirklich gemangelt.

»Da seid ihr ja«, begrüßte uns Nour als wir uns setzten. Rogues Miene war finster und er schien nicht begeistert davon zu sein, dass er immer noch in dieser Bar hockte.

»Was wollt ihr trinken«, fragte uns Nour, aber sah dabei vor allem Syxt an.

»Len?« Eigentlich brauchte ich wirklich keinen Alkohol mehr. Ich war mir sicher, dass ich mein Maximum sowieso erreicht hatte. Doch mit der Aussicht, dass ich mich würde mit ihm unterhalten müssen, um Syxt und Nour etwas Zeit zu erkaufen, hielt ich Alkohol für gar keine so schlechte Idee mehr.

»Eh-«, begann ich, doch hörte ein genervtes Seufzen zu meiner Rechten. Rogue.

»Kannst du denn keinen vernünftigen Satz bilden?«, fragte er und schaute dabei demonstrativ ein paar Zentimeter an meinem Kopf vorbei. Arsch!

»Das kann ich sehr wohl«, erwiderte ich mit so viel Verachtung, wie ich in diese wenigen Worte legen konnte. »Nachdenken wird man ja wohl noch dürfen, oder?«

»Als Sieben solltest du es doch gewohnt sein, das Denken anderen zu überlassen. Warum tust du das jetzt nicht auch?« Ich holte entsetzt Luft und hörte auch, wie Syxt fassungslos schnaubte.

»Was soll das, Rogue?«, fragte Nour verzweifelt und starrte seinen Kollegen wütend an.

»Das frage ich dich! Was soll das, ausgerechnet mit ihr?« Er deutete in meine Richtung und ein eisiger Schauer überlief meinen Rücken. Ich hatte in meinem Leben schon mit viel Verachtung leben müssen. Aber diese Worte verletzten mich auf eine Art und Weise, wie ich es nicht erwartet hatte. Vielleicht weil ich seine Blicke anders gedeutet hatte? Weil ich gedacht hatte, er wäre an mir interessiert? Was war ich nur für eine Idiotin? Er hatte doch schon vorhin deutlich gemacht, dass er nichts von uns hielt. Doch jetzt wurde mir klar, dass es nicht an uns lag. Es lag an mir. An der Sieben. An dem wertlosen rothaarigen Etwas. In mir zerbrach etwas und ich wusste gar nicht warum. Ich kannte diese Person doch gar nicht. Hatte erst vor kurzer Zeit das erste Mal mit ihm gesprochen. Wobei gesprochen viel zu viel gesagt war. Ich kannte ihn nicht! Und doch hatte ich etwas komplett anderes von ihm erwartet. Nur weil er gut aussah! Was war ich doch blöd!

»Aras!« Aras? Nours Wut spiegelte sich so glasklar in seinem Blick wider. Und ich war dankbar für seine Wut. Doch die konnte mir jetzt auch nicht helfen. Nun war es Syxt die aufsprang.

»Was fällt dir eigentlich ein, so mit ihr zu reden?« Erneut war sie es, die für mich Partei ergriff und mir wurde klar, dass es immer Syxt war. Niemals ich selbst. Warum trat ich nicht selbst für mich ein? Weil ich es nicht durfte? Weil ich es nicht anders gelernt hatte? Mir wurde speiübel bei dem Gedanken, in meinem ganzen Leben nicht einmal etwas gegen die Beleidigungen der anderen getan zu haben. Dabei ging es um mich. Nicht um Syxt. Doch in meinem Kopf hatte ich nicht das Recht dazu, mich dazu zu äußern, schließlich war ich eine Sieben. Eine Sieben, ohne Rechte. Ich sollte mich schämen! Ich wusste doch, dass all das, was sie über mich sagte nicht stimmte. Doch ich ließ sie in dem Glauben, weil ich mich nicht wehrte. Weil ich den Kopf einzog und es über mich ergehen ließ, weil ich ihnen keinen Grund gab, anders von mir zu denken. Wie heuchlerisch konnte man nur sein?

»Hör auf!«, sagte ich zu Syxt, die mich verwirrt ansah.

»Nein, er hat nicht das Recht-«, begann sie, doch ich hob nur meine Hand. Dann wandte ich mich Rogue zu, dessen Name immer mehr auf ihn zuzutreffen schien.

»Du denkst also du bist besser als ich?«, fragte ich und versuchte mit Hilfe der Wut, die in mir brodelte, die Tränen zurückzuhalten, die sich in meinen Augenwinkeln bildeten.

»Was?« Sein Tonfall war verwirrt. Tja, meiner nicht!

»Du denkst du bist etwas Besseres, nur weil in deiner ID eine niedrigere Zahl steht? Ich sag dir jetzt mal was« Ich redete mich immer mehr in Rage, hielt meine Tonlage aber gedämpft, um meine Ernsthaftigkeit zu unterstreichen. Ich fühlte mich so selbstsicher wie schon lange nicht mehr und es tat gut, es endlich rauslassen zu können. Rogue dagegen sah mich nun mit großen Augen an, doch ich ignorierte es. »Nur weil du eine Vier bist und ich eine Sieben und das Gesetz dieser Stadt vorschreibt, dass das etwas zu bedeuten hat, heißt das noch lange nicht, dass es auch so ist und du dich mir gegenüber so verhalten kannst. Ich bin ein Mensch, okay? Ich habe einen Wert und der ist in keiner Weise geringer als deiner! Also solltest du es nicht aushalten neben mir zu sitzen, dann hält dich keiner davon ab, aufzustehen und zu gehen.«  Ich ließ mich erleichtert in meinen Sessel sinken und sah aus dem Augenwinkel das zufriedene Lächeln auf Syxts Gesicht. Doch mein Blick blieb weiter eisig auf Rogue gerichtet.

»Dem habe ich nichts hinzuzufügen«, sagte Syxt und grinste geflissentlich. Einige Augenblicke blieb es ruhig und keiner sagte etwas. Rogue und ich starrten uns an. Sein Blick war immer noch intensiv und seine Augen schienen etwas in meinen zu suchen. Erst in diesem Moment wurde mir klar, dass etwas gefehlt hatte. Etwas, das die Beleidigungen sonst immer begleitete. Während seiner Worte hatte weder Abscheu noch Verachtung in seinem Blick gestanden. Ich war verwirrt und meine Augen begannen verunsichert hin und her zu flackern. Er sah es und ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Diese Lippen!

»Da wir das jetzt geklärt hätten, was wollt ihr trinken«, sagte er als wäre nichts gewesen und blickte in die Runde. Ich war perplex. Was sollte das denn jetzt? Er bemerkte meinen verwirrten Gesichtsausdruck und schaute mich an. Die Arroganz und Gereiztheit, die noch vor Kurzem sein ganzes Wesen beherrschte, war von einer auf die andere Sekunde verschwunden und nun saß er vollkommen gelassen in seinem Sessel und betrachtete uns und unsere entsetzten Gesichter.

»Nour?«, fragte er und drehte sich zu ihm. Nour lächelte gequält, offensichtlich genervt von Rogue und wandte sich wieder Syxt und mir zu, sah dann aber mich an, als er sprach.

»Er bezog sich bei seinem Kommentar absolut nicht auf deine Kategorie, Aleyna. Ignorier ihn einfach, er hatte einen miesen Tag.« Einen miesen Tag? Ich hatte einen miesen Tag und dennoch bin ich nicht umhergelaufen und habe fremde Menschen beleidigt.

»Ah, ja«, erwiderte ich, wenig überzeugt.

»Ich nehme ein Bier«, sagte nun Syxt und strahlte Nour an. Sie war schon immer besser darin gewesen, unerfreuliche Ereignisse zu übergehen und weiterzumachen. Nun sah sie mich an.

»Ich auch«, sagte ich also nur und wagte es kaum, mich zu Rogue umzudrehen.

 

 

»Ich helfe dir.« Natürlich stand Syxt ebenfalls auf und folgte Nour, als dieser unsere Getränke holen ging. Ich weiß, ich hatte Syxt versprochen, Rogue abzulenken, so dass sie Zeit mit Nour haben würde, aber nach gerade eben, hatte ich absolut keine Lust auch nur ein Wort mit ihm zu wechseln. Also saßen wir schweigend nebeneinander und blickten in unterschiedliche Richtungen. Ich ertappte mich dabei, wie ich ihn immer wieder anschauen musste. Er war so verwirrend. Ich hatte keine Ahnung, was ich von ihm halten sollte und selbst wenn sich sein Kommentar vorhin nicht auf meine Kategorie bezogen hatte, wusste ich dennoch nicht, worum es ihm dann gegangen war. Warum wollte er nicht, dass Nour sich mit mir unterhielt, wenn es nicht um meine Kategorie ging? Ich wollte so dringend wissen, was in ihm vorging. doch sein Gesicht verriet nichts. Dann schaute er mich plötzlich an und ich wurde rot. Musste er mich immer dabei erwischen, wie ich ihn ansah?

»Warum Rogue?«, fragte ich das Erste, was mir in den Kopf kam, um ihn davon abzulenken, dass er mich schon wieder beim Starren erwischt hatte.

»Wie bitte?« Sein Blick war durchdringend, aber nicht unfreundlich. Ich hatte das Gefühl, dass er jetzt auf einmal ein völlig anderer war.

»Warum heißt du Rogue?«, wiederholte ich meine Frage.

»Warum heißt du Aleyna?« Eine Frage mit einer Frage beantworten. Toll. Genau so führte man ein Gespräch. Ich seufzte genervt auf und wandte den Blick wieder von ihm ab. Wenn er nicht reden wollte, konnte ich es auch nicht ändern. Ich würde ihn jedenfalls nicht dazu zwingen.

Wieder blieb es für ein paar Minuten still, bevor ich seine Stimme hörte. Doch anstatt eines weiteren unnötigen Kommentares hörte ich das warme Lächeln auf seinem Gesicht als er sprach.

»Ich bin Aras Tondrea. Freut mich dich kennenzulernen. Tut mir leid, dass ich vorhin so ein Arsch war.« Völlig verblüfft beobachtete ich, wie er mir eine Hand entgegenstreckte und sah ihn entgeistert an. Hatte ich irgendwas verpasst? Aber ich war auch nicht in der Stimmung für eine zickige Antwort, also ergriff ich seine Hand und nahm die Entschuldigung an.  

»Aleyna-Victoria Sola. Freut mich auch.« Sobald meine Hand auf seine traf, hätte ich sie am liebsten sofort wieder weggezogen. Ein Funke durchzuckte mich und ich atmete scharf ein. Als ich ihn ansah, konnte ich sehen, dass auch er etwas gespürt haben musste. Ich verwarf den Gedanken schnell. Einbildung war schließlich auch eine Bildung und ich wollte wirklich nicht noch idiotischer dastehen.

»Also«, sagte ich stattdessen und sah ihn herausfordernd an.

»Ich glaube, ich kann dir nicht folgen.« Nun war er es, der verwirrt war und innerlich jubelte ich kurz auf.

»Wieso nennt Nour dich Rogue?« Aras war der viel schönere Name. Und er passte auch irgendwie besser zu ihm, auch wenn ich nicht genau sagen konnte, warum. Aras lachte auf und schüttelte den Kopf.

»Das ist eine verdammt lange Geschichte, Aleyna-Victoria Sola und das hier nicht der passende Ort, um sie zu erzählen.« Er sah mich aus aufgeschlossenen und freundlichen Augen an und wieder war ich überrascht, wie sehr sich eine Persönlichkeit in so kurzer Zeit so häufig verändern konnte. Ich nickte, doch blieb stumm. Ich wusste nicht, was ich ihn sonst fragen konnte. Würde er mir überhaupt antworten? Ich nestelte an meinen Händen und spürte, wie er mich weiterhin beobachtete. Jetzt war da wieder dieser neugierige Blick, den ich zu Beginn des Abends von der anderen Seite der Bar gespürt hatte und mir wurde innerlich ganz warm. Es schockierte mich, dass dieser Mann, den ich eigentlich noch gar nicht kannte, so einen Effekt auf mich zu haben schien. Ich sah auf, ließ meinen Blick aber direkt zu Syxt und Nour am Tresen wandern und sah, dass sie sich zu amüsieren schienen. Syxts Lachen musste jeden in den Bann ziehen. Es war einfach atemberaubend und auch Nour schien es so zu gehen.

»Sie ist eine wirklich gute Freundin«, sagte Aras nun und ich wandte mich ihm zu. Er hatte keine Frage gestellt, sondern einfach nur eine Beobachtung geäußert.

»Das ist sie!«, erwiderte ich dennoch strahlend.

»Was machst du so?« Der abrupte Themenwechsel überraschte mich, wie so vieles an diesem Abend. Ich schaute ihn fragend an, doch seine Miene verriet nichts als aufrichtiges Interesse.

»Ich arbeite im Bildungssektor«, sagte ich und schluckte schwer, bevor ich ergänzte: »Als Bereichsleiterin.« Das stimmte nicht wirklich, schließlich würde ich erst ab morgen als Bereichsleiterin arbeiten, doch aus irgendeinem Grund wollte ich ihm etwas beweisen.

»Das ist bemerkenswert für eine Sieben«, sagte er und runzelte dabei die Stirn. »Wobei es das natürlich nicht sein sollte.« Seine Anmerkung ließ mich aufhorchen. Wobei es das natürlich nicht sein sollte? So etwas sagt man nicht zu Leuten, die man kaum kannte. Schon gar nicht in der Öffentlichkeit.

»Wie meinst du das?«, fragte ich und redete mir ein, dass er unmöglich das gemeint haben konnte, was ich mir gerade vorstellte. Aber wie konnte man seine Worte sonst interpretieren?

»Das fragst du noch?« Seine Augen fixierten jetzt wieder meine. Doch ich fühlte mich nicht unwohl dabei. Ich wollte nicht hoffen. Konnte nicht. Dabei war ich mir selbst so sicher, dass ich mich mit diesem Leben abgefunden hatte. Ich wollte es doch guthaben und normal leben. So wie Jared und ich es all die Jahre lang versucht hatten. Und es hatte doch funktioniert. Irgendwie.

»Du solltest es nicht so schwer haben.« Seine Worte blieben immer noch vage, unpräzise und schwammig.

»Jeder hat es auf irgendeine Art und Weise schwer«, erwiderte ich diplomatisch und beobachtete seine Reaktion. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen und ich erahnte eine Falte auf seiner Stirn, die seiner Schönheit aber keinen Abbruch tat. Ganz im Gegenteil. Der nachdenkliche Ausdruck machte ihn nur attraktiver. Mein Blick fiel auf die kleine Narbe, die seine linke Augenbraue schnitt. Wie gern wäre ich mit dem Finger darübergestrichen. Wir saßen einander zugewandt und so nah, dass es ein Leichtes gewesen wäre, meine Hand nach ihm auszustrecken. Sein Geruch stieg mir in die Nase. Es roch nach Zitronen und Pinien. Und da war noch etwas anderes, etwas, dass ich nicht beschreiben konnte und doch war es vertraut.

»Aber dir wird es von Anfang an schwer gemacht.« Seine Worte waren leiser geworden. Waren wir uns nähergekommen? Plötzlich schien der Platz zwischen uns gleichzeitig viel zu klein und viel zu groß. Spannung hatte sich aufgebaut und das Verlangen, mich einfach zu ihm hinüberzubeugen und ihn zu küssen, überkam mich so plötzlich, dass ich mich kaum zurückhalten konnte. Was passierte nur mit mir? Ich kannte ihn nicht! Ich wusste nicht, worüber wir eigentlich sprachen und doch hatte ich das Gefühl, dass wir über etwas viel wichtigeres und tiefsinnigeres sprachen, als mir klar war.

»Ich bin eine Kämpfernatur.« Meine Stimme war zittrig, doch er hatte mich verstanden. Da sah ich in seinen Augen. Sie leuchteten bei meinen Worten auf.

»Ohne Zweifel!« Zu gern hätte ich ihn gefragt, woher er das wissen wollte, doch in diesem Moment, hörte ich Syxts warmes Lachen, als sie und Nour zu unserem Tisch zurückkehrten.

 

Ich lehnte mich in meinem Sessel zurück und bemerkte erst da, wie nah Aras und ich uns wirklich gekommen waren. Auch er wich zurück und ein amüsiertes Grinsen stahl sich auf sein Gesicht, wodurch ein Grübchen auf seinem Kinn zum Vorschein kam. Ich schmolz dahin.

»Lennie, sag Nour doch bitte, dass ich absolut bodenständig und gar nicht verrückt bin.« Syxt strahlte mich vergnügt an. Sie lachten beide und ich genoss, dass es Syxt so gut ging. Sie hatte es definitiv verdient.

»Du weißt doch genau, dass ich nicht gern lüge«, sagte ich und versuchte eine bedauernde Miene aufzusetzen, doch da traf mich schon Syxts Hand am Oberarm und ich prustete los.

»Das ist nicht hilfreich, Len!« Ich zuckte nur mit den Schultern und nahm das Bier entgegen, dass Nour mir entgegenhielt. Ich nahm einen Schluck und stellte es anschließend auf den Tisch.

»Lass uns tanzen gehen«, sagte Syxt dann an Nour gewandt und nahm, ohne zu zögern, seine Hand, bevor sie ihn Richtung Tanzfläche zog. Schüchtern war sie jedenfalls nicht. Ich lachte und wandte mich wieder Aras zu. Er schaute den beiden lächelnd hinterher.

»Und was machst du?«, fragte ich ihn und fragte mich zum widerholten Male an diesem Abend, warum Nour und Aras als Kollegen in dieser Bar waren. Am Anfang schien es nicht mal so, als könnten sie sich leiden. Schließlich hatte Aras dafür gesorgt, dass nicht nur Nour sondern auch sein Bier auf mir landeten.

Aras schaute mich mit diesen unglaublich dunklen tiefblauen Augen an, die im Licht der Nische, in der unser Tisch stand, schon fast schwarz wirkten.

»Ich arbeite für eine Organisation«, war alles was er sagte.

»Und«, hakte ich nach. Dabei wollte ich doch nicht so neugierig sein.

»Es geht um private Sicherheitsfragen, nicht der Rede wert.« Er wischte mit der Hand durch die Luft, als wollte er etwas Lästiges beiseiteschieben. Aber mir war klar, er wollte nicht darüber sprechen.

»Und warum haben Nour und du miteinander gestritten?« Er schaute mich fragend an und ich hätte beinahe gelacht. Als wäre es so unwichtig gewesen, dass er sich nicht einmal erinnerte. Das sollte er mal meinem Kleid sagen, das immer noch die Spuren ihres Streits trug. Ich deutete nur auf mein Kleid und seine Miene verzog sich zu einer beschämenden Grimasse.

»Dafür sollte ich mich wohl erneut bei dir entschuldigen. Es war nicht gerade eine meiner Sternstunden«, sagte er und betrachtete mein Kleid nachdenklich. »Es ging nur um eine Veranstaltung, die wir planen. Wir waren uns bei etwas uneinig.« Genau wie eben, ließ er das Thema fallen, als wäre es von keiner Bedeutung.

»In welchem Bereich arbeitest du?«, fragte er stattdessen.

»Gesellschaft und Politik.« Er lachte.

»Was ist?« Auch ich rang mir ein kleines Lachen ab.

»Ich finde es nur ironisch. Da unternehmen sie so viel, um den Leuten ihre Gedanken in den Kopf zu pflanzen und dann lassen sie jemanden wie dich unterrichten-« Er verstummte, als ihm klar wurde, was er da gerade gesagt hatte. Er setzte sich gerade auf und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. »So war das nicht gemeint.« Wenn ich es nicht besser gewusst hätte, hätte ich gesagt er klang nervös. Aber das konnte doch nicht sein, oder? Er dachte doch nicht wirklich, dass ich ihn verraten würde.

»Ist schon gut«, versuchte ich meine eigenen wirren Gedanken zum Verstummen zu bringen. Doch es half alles nichts. In meinem Inneren kämpften Vernunft und Hoffnung einen erbitterten Kampf und ich wusste nicht, was ich mir selbst mehr wünschte. Ich lebte! Ich war glücklich! So glücklich, wie es halt ging. Casacor war meine Heimat und die Regierung wollte nur das Beste für mich. Unsere Gemeinschaft war unsere Stärke. Unsere Gemeinschaft ist unsere Stärke! Ich schüttelte den Kopf.

»Aleyna!« Ich spürte eine sengende Hitze an meiner Schulter und erkannte erst spät, dass es Aras Hand war, die das Brennen hervorrief. Ich schluckte schwer. Als ich aufschaute, war sein Gesicht meinem erneut viel zu nah. Seine Augen bohrten sich in meine und ich erkannte, dass er selbst einen Kampf in seinem Kopf auszufechten schien. Die Emotionen in seinen Augen wechselten zwischen Zweifel und Tatendrang. Mein Herz sprang mir fast aus der Brust, so heftig pochte es. Ich atmete wieder tief ein. Aras tat es mir gleich und nur kurz darauf, legte sich seine Hand an meine Wange und strich mir vorsichtig eine meiner roten Strähnen aus dem Gesicht. Seine Nase berührte fast meine. Mein Atem ging schwer und das Knistern, was sich von seinen Fingerspitzen auf meine Haut übertrug, ließ mich erzittern. Er war so nah. Und da war wieder dieser Duft nach Zitronen und Pinien. Er umgab mich, vereinnahmte mich. Ließ die Stimme in meinem Kopf verstummen, die immer wieder flüsterte, dass ich ihn doch gar nicht kannte. Jetzt fuhr sein Zeigefinger über meinen Kieferknochen zu meinem Kinn, bevor er mein Gesicht wieder umfasste. Seine Hände waren groß und doch weich. Fast hätte ich mich seiner Hand entgegengeschmiegt, doch ich hielt mich zurück. Ich hörte, wie er wieder meinen Namen flüsterte.

»Aleyna« Seine Stimme wurde zu einer Melodie in meinem Kopf. Aleyna. Aleyna. Aleyna. Seine Stimme in meinem Kopf ließ mich fliegen und vergessen. In diesem Moment war ich nur ich. So sehr ich wie ich es sein konnte. Ich war keine Sieben mehr, keine Ausgestoßene. Ich war ganz allein das, was ich sein wollte.

Irgendwo am Rande meiner Wahrnehmung hörte ich das Vibrieren einer ID, doch es schien mir in diesem Moment vollkommen unwichtig zu sein, wer da was von mir wollte. Alles was in diesem Augenblick zählte waren seine Augen, seine Lippen, seine Haut, die meine berührte. Sein Blick wanderte zischen meinen Augen und meinen Lippen hin und her und ich hielt die Spannung kam noch aus, die zwischen uns herrschte und ich wusste, dass ich ihn einfach nur küssen wollte. Mehr nicht. Also am liebsten natürlich mehr. Aber in diesem Moment hätte ich schon alles dafür getan, wenn sein Mund nur endlich auf meinem gelegen hätte. Kurz wanderte sein Blick nach unten, während ich langsam meine Hand hob, um dem Verlangen nachzugeben, diese Narbe zu berühren. Sein Gesicht zu berühren. Ihn zu berühren. Doch noch bevor ich dazu kommen konnte, verkrampfte sich seine Haltung und sein Blick wurde dunkel. Ich hielt den Atem an, wartete sehnsüchtig auf den Kuss, der in der Luft hang. Seine Lippen nur einen Zentimeter von meinen entfernt. Die Nervenenden auf meiner Haut zum Zerreißen gespannt. Er hob langsam den Kopf und ich schloss die Augen, in der Gewissheit, dass es jetzt so weit sein würde. Sein Atem strich über meine Wange, die er noch immer in einer Hand hielt, dann zu meinem Ohr.

»Hör niemals auf zu kämpfen, Al!« Dann verschwand seine Wärme und was blieb war nur der zarte Geruch nach Zitrone, Pinien und etwas anderem. Als ich die Augen öffnete, wusste ich bereits, dass er nicht mehr neben mir sitzen würde.  

Fortschritt
...🖋

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