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Pip Williams: Die Buchbinderin von Oxford

Cindy

„Die Buchbinderin von Oxford“ ist ein wunderschöner Roman, der mich vor allem in der zweiten Hälfte sehr begeistern konnte. Das Buch begleitet Peggy, Anfang zwanzig und Buchbinderin in der Oxford University Press während der Jahre des ersten Weltkrieges.

Peggy ist eine unbequeme Protagonistin, was sie aber nicht unsympathisch macht. Sie lebt mit ihrer Zwillingsschwester Maude auf einem Kanalboot und träumt davon, einmal am Somerville College zu studieren. Dieser Traum blieb ihr aufgrund ihrer Stellung in der Arbeiterklasse, aber vor allem ihrer Schwester wegen verwehrt. Maude ist nämlich besonders, denn sie wiederholt meist Sätze, die sie aufgeschnappt hat statt eigene Worte zu formulieren. Peggy muss oft auf sie aufpassen und empfindet sie oft als Klotz am Bein, der sie zurückhält. Im Laufe der Handlung muss sie lernen, Maude als eigenständige Person zu betrachten und sie für ihre eigenen Handlungen nicht als Ausweg vorzuschieben.

Die Beziehung der Schwestern war interessant und hat sich ganz anders entwickelt, als ich angenommen hatte. Beide arbeiten als Buchbinderinnen, und während Peggy davon träumt, mehr zu sein ist Maude mit ihrem Leben zufrieden. Tag für Tag falzen sie Bögen, tragen Buchblöcke zusammen und Peggy heftet diese später auch. Dieser buchbinderische Aspekt war sehr gut dargestellt, vor allem Peggys Wunsch, die Bücher auch zu lesen. Sie beklagt sich oft, dass ihre Arbeit unerkannt bleibt und damit hat sie Recht.

Durch die verstorbene Mutter der beiden haben die Zwillinge Zugang zu Englands Frauenbewegung erhalten. Tilda, eine alte Freundin ihrer Mutter und Ziehmutter der Mädchen, setzt sich dort stark ein und das Thema spielt eine zentrale Rolle im Buch. Peggy fühlt sich festgefahren, mit Maude und in ihrer gesellschaftlichen Stellung. Als sie beginnt, den verwundeten Soldaten ehrenamtlich vorzulesen, eröffnen sich ihr neue Perspektiven. Sie schließt Freundschaft mit der Studentin Gwen und nähert sich dem belgischen Offizier Bastiaan an. Beide Charaktere sind mir im Laufe der Geschichte sehr ans Herz gewachsen. Bastiaan gibt dem Schrecken des Krieges ein Gesicht. Der Krieg ist allgegenwärtig, vor allem seine Auswirkungen auf Hinterbliebene. Tilda meldet sich als Kriegskrankenschwester und berichtet von der Front. Oxford verändert sich zusehends und diese Entwicklung durch die Augen einer Buchbinderin zu betrachten war sehr fesselnd.

Zu Beginn des Romans war schwer zu erkennen, wohin die Geschichte führt. Es war etwas langatmig, doch sobald die Geschichte an Fahrt aufgenommen hatte, war ich mehr und mehr gefesselt. Die Beziehung zwischen Peggy und Bastiaan hat mich tief berührt. Durch Peggys doch eher kühle Art bewahrt man immer ein wenig Distanz, doch wenn ihre harte Schale aufbricht, ist das sehr ergreifend.

Der Schreibstil ist sehr nüchtern gehalten, man hat aber nie das Gefühl, einer Geschichtsstunde beizuwohnen. Williams spielt mit den Emotionen zwischen den Zeilen. Es gab Stellen, da kam ich nicht ganz mit und hatte das Gefühl, mir sei etwas wichtiges entgangen. Aber diese waren zum Glück eher rar gesät. Das Nachwort bekräftigt noch einmal die historische Authentizität, die in Teilen gewahrt wird.

Mich hat dieser Roman sehr erfüllt und begeistert zurückgelassen. Er hat eine ganz besondere Art an sich, die nachhallt. Von mir gibt es eine große Leseempfehung!

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Heyne

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