Blog,  The Bookish Talk

Women With Tattoos – Your Body? Your Choice!

Jules

Ich dachte, ich schreibe mal über ein Thema, über das ich nicht nur in Büchern gelesen habe, sondern das mich auch selbst betrifft – Tattoos. 

Ich habe schon seit ein paar Jahren mehrere kleine Tattoos, die aber nicht besonders auffallen. Vor eineinhalb Jahren fing ich an, ein größeres Tattoo in meinem Kopf zu planen (ich bin künstlerisch nicht begabt, aber ich habe ein Moodboard zusammengestellt, das meine Persönlichkeit und die Erlebnisse in meinem Leben darstellen sollen, die mich zu dem Menschen machen, der ich heute bin). Im letzten Februar bin ich dann endlich zu meiner Tätowiererin gegangen und habe ihr meine Gedanken vorgestellt und ihr das Moodboard überlassen. Ich hatte so viele Gedanken und Ideen, aber keine Ahnung, wie man die alle zueinander führen kann. Das einzige, was ich wusste, war, dass ich einen Sleeve wollte (also ein Tattoo über den ganzen Arm). 

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Moodboard mit meinen Ideen

Lange Rede kurzer Sinn; nach vielen Terminverschiebungen (thx again Cosh*t-19) hatte ich Anfang Oktober meinen ersten Termin. 

Vielleicht war es naiv zu denken, dass unsere Gesellschaft kein Problem mit Tattoos hat. Zumindest war es für mich immer etwas vollkommen Normales, nichts Außergewöhnliches und schon gar nichts Verwerfliches. Und ich bin froh, sagen zu können, dass die Menschen in meiner Umgebung überwiegend (90%) positiv darauf reagiert haben (sogar mein Opa, der grundsätzlich gegen Tattoos ist, aber dem es, nachdem ich ihm erklärt habe, was es bedeutet und er es sich richtig angesehen hat, richtig gefallen hat). Es gibt natürlich auch Leute, die es nicht so toll finden, aber es ist immer ein Unterschied, zwischen “Ich mag persönlich keine Tattoos” und “Du solltest keine Tattoos haben”!

Ein Ereignis (es ist nicht das einzige, aber prägnanteste) ist mir besonders im Gedächtnis geblieben und hat mich zum Nachdenken gebracht. Ich hatte etwas bestellt, dass mit einem Lieferdienst kam, von dem bekomme ich sonst nie geliefert, ergo war mir der Lieferant gänzlich unbekannt. Ich wohne im 5. Stock und muss immer runter, um meine Pakete anzunehmen. Ich kam also zur Eingangstür und der Lieferant fragte mich ganz freundlich, ob ich einen Moment Zeit hätte, weil sein Gerät, mit dem er die Zustellung bestätigen musste, nicht funktionierte. Ich stand also da und wartete, als ihm offenbar mein Tattoo auf dem Unterarm auffiel. Ohne irgendwelchen Kontext, ohne, dass wir kaum mehr Worte als “Hallo” gewechselt hatten und er mich NICHT kannte, fragte er: “Sie sind aber nicht am ganzen Körper tätowiert, oder?” Ich war so überrascht, dass ich anstatt zu fragen, was ihn das anginge, nur “Nein” erwiderte, woraufhin er mir unverblümt sagte, ich solle das doch nicht machen und Tattoos an Frauen (!) seien ja nicht schön. Das machte mich so wütend, dass ich ihm sagte, dass das ja wohl Ansichtssache sei, und es meine Entscheidung ist, was ich mit meinem Körper mache. 

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nach dem ersten Termin
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direkt nach dem Stechen

Gedächtnisprotokoll:

“Ja, na Tattoos sind cool, aber bei Frauen…” 

“Ihnen ist bewusst, dass das total sexistisch ist, oder?” 

“Nein, das meine ich nicht.”

“Aber wenn Sie sagen, dass Tattoos an Frauen nicht gut sind, meinen Sie, dass sie bei Männern okay sind.” 

“Na, bei Frauen sieht das dann nicht mehr so schön aus, wenn sie am ganzen Körper tätowiert sind.” 

Zu dem Zeitpunkt wurde mir bewusst, wie übergriffig dieses Gespräch war, also meinte ich: 

“Selbst wenn ich beschließen würde, dass ich mich am ganzen Körper tätowieren lassen wollte, ginge Sie das aber trotzdem nichts an.” 

“Naja, so was Blumiges ist ja noch okay, aber am ganzen Körper…” Frauen sollen sich also Blumen tätowieren lassen? WTF???

Darauf sagte ich dann nichts mehr, bis er mir endlich mein Paket gab. 

Als er ging, meinte er noch: “Lassen Sie sich nicht noch mehr Tattoos stechen!”

Dazu muss ich sagen, dass der Kerl an sich die ganze Zeit nett war. Ich bin mir sicher, dass ihm gar nicht aufgefallen ist, wie übergriffig sein Verhalten und seine Worte waren. Und er hat offenbar auch nicht verstanden, warum ich mich so aufgeregt habe. Vermutlich hat er es sogar gut gemeint! Aber das ist keine Entschuldigung und genau da liegt auch das Problem!

Männer (und dabei möchte ich nicht verallgemeinern, aber es sind halt in dem Falle ‘Männer’) bekommen zum Großteil gar nicht mit, wie sie Frauen versuchen zu bevormunden, ihnen Dinge absprechen oder als Wildfremde in ihre Privatsphäre eindringen. 

Vielleicht schreibe ich gerade eine Bachelorarbeit über Männlichkeitsentwicklung und habe mich ein bisschen zu viel mit den Idiotien des Patriarchats beschäftigt, aber die ‘patriarchale Dividende’ existiert nach wie vor. Jahrhunderte von für ihre Eigenständigkeit und Gleichberechtigung kämpfende Frauen haben an dieser grundlegenden Problematik kaum etwas verändert. Feminismus ist kein Extremismus, sondern notwendig, um die Fortschritte, die wir gemacht haben, nicht wieder einzubüßen. Weil solche Aussagen, wie oben, genau das verdeutlichen: Diese Verhaltensweisen sind unglaublich fest in unserem täglichen Leben und in unserem Umgang miteinander und mit uns selbst verankert, dass wir es kaum bemerken. 

Und damit will ich auch auf den Buchaspekt dieses Beitrages kommen. Ich habe mich gefragt, wie viele Protagonistinnen aus den Büchern, die wir täglich lesen, haben Tattoos? Und damit meine ich nicht ein kleines süßes Unendlichkeitszeichen/Schwalbensilhouette/Herzirgendwas am Handgelenk, sondern wirklich größere Tattoos. Wenn mir tatsächlich jemand einfällt, dann soll diejenige meistens irgendeine Art Stereotyp erfüllen. 

Die einzige Protagonistin,  die mir gerade einfällt (die ein großflächiges Tattoo hat, ohne in irgendeiner Weise darauf reduziert zu werden, oder diese Tattoos nur hat, um ihren Charakter zu unterstreichen), ist Kenzie aus ‘Don’t Love Me’ von Lena Kiefer. Und dieses Buch ist erst vor ein paar Monaten erschienen! 

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© cbj

Und jetzt vergleicht das einmal mit den männlichen Protagonisten. Wie viele von ihnen haben Tattoos? Sind gar nicht so wenige, was? Gerade der typische ‘Badboy’, der immer noch soooo verbreitet ist und mit dem scheinbaren Ideal von Dominanz, Überheblichkeit und Macht konnotiert ist, wird durch Tattoos gekennzeichnet. Dieser Typus repräsentiert angeblich ein Vorbild! 

Ich will damit nicht sagen, dass sich jeder ein Tattoo stechen lassen soll, oder jede Buchfigur eins haben muss. Geschweige denn, dass sie allen gefallen müssen!

Worum es mit geht, ist, dass auch das ein Aspekt von immer noch vorhandener weiblicher Unterdrückung  ist, die viele gar nicht wahrnehmen. 

“Männer dürfen Tattoos haben. Frauen nicht.”

“Frauen mit großflächigen Tattoos sehen nicht gut aus.”

“Frauen mit großflächigen Tattoos strahlen Dominanz aus, die Männern vorbehalten ist.”

Nein! 

Frauen mit großflächigen Tattoos übernehmen ein Symbol scheinbarer männlicher Überlegenheit! Und das ist auch gut so! Denn jeder kann mit seinem/ihrem Körper machen, was er/sie will und keine Frau muss sich von einem Mann sagen lassen, wie er ihren Körper mag! Keine Frau sollte sich vorschreiben lassen, dass sie etwas nicht  darf, weil ein Mann eS nICht gUt fInDEt!

Was sagt ihr zu dem Thema? Habt ihr selbst Tattoos und fallen euch vielleicht noch andere ProtagonistInnen mit Tätowierungen ein? Schreibt es uns in die Kommentare! 

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