Sola - Feuer und Asche

Kapitel Eins

05.02.0114 (der neuen Zeit), EW7-12-LS
Das Leben in letzter Zeit ist doch viel zu langweilig! Jare ist unterwegs und Maria die ganze Zeit bei Lukas. Wohin das führen soll? Ich weiß es nicht.

0135 (d.n.Z)
»Du bist spät dran, Kleines.« Jared hielt eine dieser Multifunktionstassen in der Hand, die den Inhalt auf einer konstanten Temperatur hielten, während er am Türrahmen lehnte und ruhig dabei zu sah, wie ich die Treppe hinunterstürzte und zunehmend in Panik verfiel.

»Ach, wirklich, Jare?« Meine Stimme triefte vor Sarkasmus und ich unternahm den verzweifelten Versuch, meine mausgrauen Schuhe und den farblich dazu passenden grauen Mantel gleichzeitig anzuziehen. Nicht unbedingt modisch, aber grau und schwarz waren die einzigen Farben, die ich ohne Probleme und Einschränkungen tragen durfte. »Darauf wäre ich jetzt nicht gekommen.«

Ich fluchte leise, als sich eine Strähne meiner feuerroten Locken im Reißverschluss des Mantels verfing. Es war bereist 7.32 Uhr, wie mich die Anzeige über der Garderobe wissen ließ.

»Sie werden einen Pacem schicken, wenn ich es nicht schaffe, meinen Tagesplan einzuhalten. Das würde in meiner ID auftauchen und dann werde ich es nie in den Regierungssektor schaffen.« Die friedfertigen und treuen Ordnungshüter Casacors, der Stadt in der wir lebten, waren mir gegenüber nicht ganz so friedfertig, wie sie es hätten sein sollen. Aber naja, ich war halt eine Sieben.

»Beruhige dich, Aleyna. Du hast noch fünf Minuten.« Aleyna nannte er mich nur, wenn er seine Ernsthaftigkeit unterstreichen wollte. Jared stieß sich vom Türrahmen ab und kam mir entgegen. Ich zwirbelte meine Haare zu einem lockeren Dutt zusammen und befestigte sie mit dem Haarband, was ich um mein Handgelenk trug. Ich lächelte ihn dankbar an als er mir den Kaffeebecher reichte. Als ich in seine moosgrünen Augen schaute, erkannte ich die beinahe väterliche Zuneigung, die mein Onkel für mich empfand und war wieder einmal froh, dass ich nicht alleine war. Ohne Eltern, die sich um mich kümmerten, wäre ich schon als Fünfjährige in einem der wenigen Kinderhäuser gelandet, die es im Bildungssektor gab. Doch glücklicherweise, hatte Jared damals beschlossen, mich aufzunehmen, nachdem meine Mutter gestorben war. Für Jared hatte diese Entscheidung nie in Frage gestanden und ich war ihm dafür unendlich dankbar. Er hatte meine Mutter mehr als alles andere auf der Welt geliebt. Doch seine kleine Schwester zu verlieren und mich aufzunehmen, wo er mir doch immer erzählte, wie ähnlich ich ihr sah, musste unglaublich schwer für ihn gewesen sein. Doch dann erzählte er mir immer, wie glücklich es ihn machte, dass aus dem kleinen Mädchen mit den großen traurigen blauen Augen und den feuerroten Locken eine so verantwortungsbewusste junge Frau geworden war. Ob das so ganz stimmte, wusste ich nicht. Ohne Jare wäre ich jedenfalls auch heute noch in vielen Situationen vollkommen aufgeschmissen. Ich verdankte ihm so viel, im Grunde mein ganzes Leben. Das war auch der Grund, warum ich alles dafür tat, das Beste daraus zu machen.

Jared beugte sich vor, küsste mich auf die Wange und keine Sekunde später begann die durchsichtige ID, die an einem Band um meinen Hals baumelte zu vibrieren. 7.35 Uhr.

»Ich muss los. Bis heute Abend!« Ich warf ihm noch ein letztes dankbares Lächeln zu und hetzte aus unserem Haus am Stadtrand. Mein Blick schweifte über die alten Backsteinwände, an denen sich überall der Efeu nach oben rankte. Die Häuser reihten sich in unserer Straße Reihe an Reihe, doch lebten in vielen von ihnen schon lange keine Menschen mehr. Die meisten von ihnen versuchten näher an das Stadtzentrum zu ziehen, um näher am Regierungssektor zu wohnen. Aber Jared hatte das Haus in dem wir lebten nie aufgegeben und ich war sehr froh darüber. Hier hatten wir genügend Platz und es tat gut nicht ständig von Menschen umringt zu sein.

Als ich mich der Straße zuwandte, stand der CTrain schon da. Diese gläsernen, kapselförmigen Fortbewegungsmittel gab es in den unterschiedlichsten Größen, je nach dem, wie viele Leute transportiert werden sollten. Heute war die Kapsel gerade so groß, dass zwei Leute bequem darin Platz finden würden und das Glas war so weit abgedunkelt, dass das Innere nicht ersichtlich war. CTrains bewegten sich lautlos auf festen, im Boden verborgenen Magnetfeldern und wurden von einer KI gesteuert.

Ich trat an die für mich bestimmte Kapsel heran und sofort erschien ein leuchtendes Display auf der gläsernen Wand. Ich hielt meine ID an das Display, die Tür öffnete sich, das Innere der Kapsel wurde sichtbar und die komplette Hülle transparent.

»Guten Morgen, JW7-13-VS. Ihr nächstes Ziel befindet sich in Sektor 411, Bildungssektor. Bestätige?« Die freundliche, klare Frauenstimme, die mich begrüßte war jeden Morgen dieselbe.

»Bestätige«, sagte ich, ebenfalls wie jeden Morgen und ließ mich auf einen der beiden Sitze sinken. Bereit mich von der körperlosen Stimme in meinen Tagesplan einweihen zu lassen.

»Abfahrt um 7.37Uhr. Erwartete Ankunft 7.54 Uhr. Nachfolgender Tagesplan: 7.56Uhr – Ankunft Sekretariat für Jugendbildung. 7.59Uhr – Gespräch mit EM2-568-GT. 8.15Uhr – Korrespondenz. 9.00Uhr – …« Kurs für neuere Politik. Ich kannte meinen Tagesplan in und auswendig, vor allem auch, weil er sich in den letzten zwei Monaten nicht geändert hatte.

Die Häuser, die an mir vorbeizogen wurden schöner, umso weiter wir uns dem Zentrum näherten. Das Zentrum lag im Norden der Stadt nah am Regierungsviertel und wie unsere Wohngegend bewies, versuchten die besser gestellten Familien, sich näher an das Zentrum heranzukaufen. Die Menschen in Casacor, die wirklich Einfluss hatten lebten nicht wir wir in den normalen Wohnsektoren, sondern im Goldenen Zirkel, wie die drei Sektoren genannt wurden, die sich wie ein Band direkt an den Regierungsbezirk anschlossen. Dahinter erhob sich wie überall um die Stadtgrenze herum das Hogo-Gebirge, das wie ein natürlicher Schutzwall in den Himmel ragte. Es sollte die Menschen in der Stadt schützen.

Aber wer beschützt die Menschen vor sich selbst, fragte ich mich. Immer wieder wurde den Bürgern Casacors die Geschichten erzählt, dass Casacor vor fast hundert Jahren vor dem Untergang gestanden hatte, weil sich die Bevölkerung zu schnell vermehrte. Daraufhin hatte der damalige Präsident George Alexander Stuart das Kategorisierungsgesetz erlassen. Die Menschen wurden ihrem Aussehen nach in Kategorien eingeteilt und durften nur noch begrenzt Kinder zeugen. Dass dabei ein großer Teil der Bevölkerung übergangen wurde, war ihnen gleich gewesen. Und so kam es, dass die Menschen mit blonden Haaren in die Kategorien eins bis drei eingeteilt wurden – die unter ihnen mit blauen Augen in die Kategorie eins, die mit grünen Augen in die Kategorie zwei und diejenigen mit braunen Augen in die Kategorie drei – und die Menschen mit dunklen Haaren in die Kategorien vier bis sechs. Alle, die aus diesem Schema fielen, wurden den Kategorien sieben und acht zugeordnet. Ich war nun eine der letzten Personen in der Stadt, die rote Haare hatte und wurde der Kategorie Sieben zugeteilt. Ob es überhaupt noch Kategorie Acht Menschen gab, wusste ich nicht. Zumindest hatte ich noch nie einen farbigen Menschen gesehen. Aber gemessen daran, wie ich behandelt wurde, konnte ich niemandem einen Vorwurf machen, der sich zurückzog, um dieser Schikane zu entgehen. Aber ich beschwerte mich nicht. So war es nun mal, so war es schon seit ewigen Zeiten. Es half nichts, sich darüber aufzuregen. Vielmehr sollte man sich anpassen und das Beste aus der Situation machen. So hatte es mir Jared beigebracht. So hatte ich es geschafft, einen recht angesehenen Beruf zu bekommen und vielleicht würde ich es eines Tages schaffen, als erste Sieben für die Regierung zu arbeiten. Aber bis es so weit war, konnte noch viel Zeit vergehen und bis dahin musste ich mich auf das konzentrieren was zählte.

Trotz dessen, dass das Gesetz von George Stuart wirkte und sich die Geburtenrate schnell eingrenzen ließ, woraufhin die Geburtenkontrolle wieder aufgehoben wurde, blieben die Kategorien erhalten und wirkten heute, stärker als früher, viel mehr als Einordnung in soziale und gesellschaftliche Stände. Aus einer notwendigen Idee war schließlich das geworden, was mich heute definierte. Ich war eine Sieben. Und obwohl die meisten Menschen mich einfach ignorierten, taten es doch viele nicht und ließen mich meinen Stand wann immer möglich spüren. Einer von ihnen war mein Chef, ein unzufriedener Zweier, der sich selbst dafür hasste, nur ein Lehrer und Bereichsleiter geworden zu sein. Einen Beruf, den eine Freundin von mir, direkt nach dem Abschluss angetreten war. Und diesen Hass ließ er viel zu gern an mir aus.

»7.54Uhr – Ankunft in Sektor 411, Bildungssektor. Einen schönen Tag, JW7-13-VS«, sagte die Frauenstimme aus dem Nichts und der CTrain öffnete sich. Ich stieg aus und lief auf das Gebäude zu, dass, wie jedes Gebäude im Goldenen Zirkel und dem Regierungssektor, aus weißem Marmor gebaut wurden war und dessen riesige Glasflächen die Sonne reflektierten. Der Blick nach oben fiel mir durch das gleisende Licht schwer, doch ich wusste auch so, dass über der ebenfalls gläsernen Eingangstür Zentrum für Bildung 2 stand und daneben ein meterhohes Plakat mit dem Abbild unseres Präsidenten, Marius William Stuart, hing. Wie jeder Präsident zuvor, war auch er die perfekte Eins. Strohblonde Haare und stechend blaue Augen, die für sein Alter noch recht jung wirkten.

»Kommen Sie rein, 13!«, hörte ich die Stimme meines Chefs, nachdem ich an seine Tür geklopft hatte.

»Guten Morgen, Sir«, sagte ich und stellte den Kaffeebecher, den mir Jared in die Hand gedrückt hatte, vor ihn auf den Tisch. Wie immer ignorierte er es gekonnt. Aber wehe, der Kaffee wäre nicht da, dann schlug die Ignoranz ganz schnell in Beleidigungen um. Ich setzte mich auf den Stuhl, ihm gegenüber und wartete geduldig darauf, dass er etwas sagen würde. Sein Blick war auf seinen Screen geheftet und seine Augen flackerten von einer Zeile zur nächsten.

»Also, 13, ich werde heute beim Lunch mit dem Bildungskonsul erwartet. Sie müssen meine Korrespondenz bis dahin fertig haben, diesen Antrag für den Konsul überarbeiteten und die Arbeiten meines Geschichtsseminars korrigieren. Der Erwartungshorizont liegt auf Ihrem Platz. Und natürlich dürfen Sie die Zusammenfassungen für die Unterrichtseinheiten nicht vergessen. So weit verstanden?« Während er das sagte, hatte er nicht einmal von seinem Screen auf- und mich angeschaut.

»Ja, Sir.« Sagte ich und wartete darauf entlassen zu werden.

»Warum sind Sie dann noch hier?« Seine Stimme triefte vor Abneigung. Nicht nur, dass er dieser, seinem Empfinden nach, viel zu niedrigen Stelle nicht entkam. Jetzt musste er sich auch noch mit jemandem wie mir herumschlagen, obwohl er mit Sicherheit viel lieber einen Vierer oder Fünfer gehabt hätte.

»Verschwinden Sie, 13!« Ich stand auf und war bereits an der Tür, als ich seine Stimme noch einmal hörte.

»Bis zwölf will ich alles auf meinem Tisch haben.« Ich ließ die Tür hinter mir ins Schloss fallen und hoffte nur, dass er meine Respektlosigkeit, ihm nicht zu antworten, unbeachtet lassen würde.

Mein Arbeitsplatz lag in dem Gang vor 568-GTs Büro, genau wie all die anderen Screens der Assistenten. Vor mir standen noch vier weitere Assistenten jeweils vor den Bürotüren ihrer Bereichsleiter, während sich der Flur hinter meinem Schreibtisch öffnete und in die Lobby mündete, in der das zentrale Sekretariat und der Empfangstresen für die Abteilung lagen.

Wie die IDs waren auch die Screens aus Glas, in dem die Projektionen stattfanden und der allen Angestellten als Arbeitsgrundlage diente. Ich begann die Nachrichten meines Chefs durchzugehen und zu sortieren. Eine mühsame Arbeit, vor allem durch die zahlreichen Nachrichten der Studenten. Alle wichtigen Angelegenheiten leitete ich an ihn weiter. Fragen von Studierenden beantwortete ich so gut es mir möglich war und teilte alle übrigen Nachrichten nach Relevanz ein, bevor ich sie 568-GT zuschickte.

Es war bereits 8.45Uhr und ich musste mich langsam auf den Weg zur Unterrichtseinheit machen, für die ich wie immer die Zusammenfassungen schrieb, damit 568-GT immer genau wusste, was seine Lehrer behandelten.

Ich hatte die selektierte Liste an Nachrichten gerade weggeschickt, als mit einem leisen ›Ping‹ eine weitere Nachricht bei mir einging. Normalerweise hätte ich diese ignoriert, ich war schließlich schon ziemlich spät dran und die Nachrichten waren bereits an meinen Chef weitergeleitet. Doch da 568-GT mich über seinen späteren Besuch bei der Konsulin informiert hatte und diese Nachricht von keinem Geringeren als dieser Konsulin kam, öffnete ich sie doch. Ich hätte erwartet, er würde Nachrichten dieser Priorität an sich selbst senden lassen, aber dennoch erschien sie auf meinem Screen.

›Sehr geehrter EM2-568-GT, mit großer Besorgnis haben wir von den Geschehnissen in Sektor 408 erfahren und hoffen, dass sie die Situation bis zu unserem Treffen heute aufklären können. Sollte das nicht der Fall sein, werden Sie mit Konsequenzen rechnen müssen.Hochachtungsvoll, Kethlin Vasco (EW1-000-KV) / Konsulin für Wissenschaft und Bildung.‹

Was sollte das denn bedeuten? Von welchen Geschehnissen sprach die Konsulin? Soweit ich wusste, lagen in Sektor 408 nur Unterrichtsräume, also was konnte passiert sein? Und was bedeutete der letzte Satz? Würde 568-GT tatsächlich entlassen werden, was würde aus mir werden? Ich hatte großes Glück gehabt, überhaupt eine Stelle gefunden zu haben. Aufgrund meiner Kategorie wäre ich auch noch über Arbeit im Industrie- oder Landwirtschaftssektor froh gewesen.

Anstatt sich über den Inhalt den Kopf zu zerbrechen, sollte ich lieber schnell entscheiden, was ich jetzt mit der Nachricht anfangen sollte. Mit Sicherheit war die nicht für meine Augen bestimmt gewesen. Sollte ich sie also einfach als ›Priorität eins‹ weiterleiten und hoffen, dass mein Chef die Tatsache übersah, dass ich sie gelesen hatte. Was machte ich mir eigentlich vor? Er würde toben, wenn er erfuhr, dass ich die Nachricht gelesen hatte, aber sie zu ignorieren würde mich mit Sicherheit den Job kosten. Ich markierte die Nachricht also mit der höchsten Dringlichkeitsstufe und vermerkte, dass ich sie gerade erst erhalten hatte. Ein bisschen Vorbeugen konnte nicht schaden. Dann drückte ich auf Absenden, schaltete meinen Screen aus und machte mich auf den Weg zu meiner Unterrichtseinheit.

Es war mittlerweile 8.53Uhr und ich würde ein paar Minuten brauchen, bis ich das Zentrum für Politik erreicht hätte. Meine ID um meinen Hals begann zu vibrieren und erinnerte mich damit daran, dass ich einen neuen Tagesordnungspunkt hatte, den ich abarbeiten musste. Doch anstatt wie gewohnt, nach einem kurzen Hinweis wieder zu verstummen, hielt das Vibrieren an. Ich warf im Gehen einen Blick darauf und musste grinsen.

»Hey«, sagte ich, als ich den Anruf entgegen nahm. Aus dem Headset, welches als kleiner Knopf immer in meinem Ohr steckte, ertönte die fröhlich-aufgedrehte Stimme meiner besten Freundin.

»Du wirst es nicht glauben, Len! Ich hab den Job!«, kreischte Crescendia Ravensdale und ich fing erleichtert an zu lachen.

»Das ist ja großartig! Syxt, das ist der Wahnsinn! Herzlichen Glückwunsch, du hast es wirklich verdient!« Crescendia war kein Fan von Casacor und dem Kategoriensystem, aber noch viel mehr als das hasste sie ihren eigenen Namen. Syxts Eltern arbeiteten in hohen Positionen für die Regierung und waren deshalb der Meinung gewesen, auch ihre dritte Tochter verdiente einen mehr als ansehnlichen Namen. Da sie damit die Sechste in ihrer Familie war, die diesen altehrwürdigen Namen tragen musste, entschied sie sich in ihrer ersten Unterrichtsstunde in Latein, sich von nun an Syxt zu nennen und jeden zu ignorieren, der sie Crescendia nannte. Das freute ihre Eltern erwartungsgemäß wenig und auch sonst schien Syxt eher das sogenannte schwarze Schaf der Familie zu sein. Die Anstellung von der sie nun sprach, war, zum erneuten Bedauern ihrer Eltern, keine Einstiegsposition, um später einmal ein hohes Amt der Regierung begleiten zu können, sondern eine Assistenz im Layla-Finley-Stuart-Hospital, nur einen Sektor entfernt von meinem eigenen Arbeitsplatz. Damit würde Syxt innerhalb weniger Wochen in das Ärzteausbildungsprogramm rutschen. Genau das, was sie vorhatte. Denn Syxt wollte Menschen mehr als alles andere helfen, um überhaupt eine Änderung zu bewirken.

»Ich weiß! Und wir müssen das unbedingt feiern gehen!«, sagte sie nun in mein Ohr, ohne jeden Hauch von Selbstzweifeln. »Wie gut, dass wir heute Abend beide keine Verpflichtungen haben.« Ich konnte Syxt zwar nicht sehen, aber ich wusste genau, wie sie gerade mit den Augen klimperte und strahlte wie die Sonne. Syxt mochte der Taugenichts der Familie Ravensdale sein, doch äußerlich war sie dennoch die perfekte Bürgerin Casacors. Mit ihren aschblonden, langen Haaren und ihren strahlenden eisblauen Augen war sie die perfekte Eins.

»Dafür muss ich erst mal den Rest des Tages überstehen«, erwiderte ich und dachte erneut an die Nachricht, die ich 568-GT gerade schicken musste.

»Lennie, ich weiß echt nicht, was du bei diesen Veranstaltungen sollst! Deine Jahre der Knechtschaft sollten eigentlich vorbei sein, und dein Arsch von einem Chef müsste sich, wenn er wirklich so dringend wissen will was vorgeht, einfach die Videoaufzeichnungen der Lehrveranstaltungen anschauen.« Ich musste lachen, auch wenn mir so gar nicht nach Lachen zumute war. Die Lehrveranstaltungen waren heute tatsächlich mein geringstes Problem.

»Ich sag dir, der Typ macht das nur, um dich zu ärgern!«, fuhr Syxt fort, während meine Gedanken schon wieder abgeschweift waren.

»Glaub mir, die Veranstaltung ist im Moment nicht das, was mir Sorgen macht!«

Ich saß in der hintersten Reihe des halbkreisförmigen Saals und versuchte, mich so klein wie möglich zu machen. Diese Unterrichtseinheit war der Politikkurs von 276-FR und es tümmelten sich gut zwei Dutzend 11-Jährige auf den Bänken des Vorlesungsraums. Wir hatten es alle fast geschafft.

»Also, was habt ihr euch von dem gemerkt, was wir heute behandelt haben?«, fragte 276-FR und zeigte dann auf eine Zwei, die nur zwei Reihen vor mir saß und der Veranstaltung die ganze Zeit über aufmerksam gelauscht hatte. Sie würde bestimmt mal eine gute Bürgerin werden, dachte ich leicht resigniert und schallt mich selbst für den sarkastischen Gedanken. Das war jetzt wirklich nicht der passende Ort dafür. Wie sie es gewohnt war, stand das Mädchen zum Sprechen auf.

»Wir leben in einer evolutionären Demokratie, die von einer Präsidentenfamilie, den Stuarts, geführt wird.« Die Lehrerin nickte zur Bestätigung, unterbrach die Kleine aber nicht, so dass diese fortfuhr. »Unsere Gesellschaft beruht auf der Ausführung des absoluten Friedens. Gewalt wird unter keinen Umständen toleriert und Ungehorsam bestraft.«

»Sehr gut, 487-LM.« Ich unterdrückte ein Lachen, bei der Aussage des Mädchens. Als sie vorhin das Thema Gewaltlosigkeit angesprochen hatten, wurde 276-FR gefragt, was Gewalt sei. Als sie daraufhin erklärte, dass Gewalt darin bestand anderen körperlich zu schaden, waren die Kinder tatsächlich verwirrt gewesen. Ich konnte es nachvollziehen, auch für mich war die Vorstellung von Gewalt nur sehr abstrakt. Es gab viele Dinge in Casacor, die ich nicht gut fand, einschließlich des Kategoriensystems, aber die Durchsetzung einer gewaltlosen Gesellschaft war definitiv einer der Punkte, bei dem ich mit der Regierung übereinstimmte. Denn eines musste man den Stuarts lassen, auf den Straßen Casacors herrschte Frieden und ich wüsste nicht, dass ich in irgendeiner Weise jemals körperliche Gewalt erfahren hatte.

Ein Junge mit haselnussbraunen Haaren und ebenso dunklen Augen meldete sich. Er war nur eine Kategorie über mir, aber ich war mir sicher, dass er sich um seine Zukunft sehr viel weniger Sorgen machen musste, als ich. Die Lehrerin zeigte auf ihn und er stand auf.

»Das Kategoriensystem schützt uns, es ist dafür da, dass wir unseren Platz in der Gesellschaft finden, genauso wie die Tagespläne, die uns ein geordnetes und klares Leben bieten.« Bei diesen Worten zog sich etwas in mir zusammen. Ich wusste nicht genau, wie ich das Gefühl einordnen sollte, doch ich wusste, dass dieser Satz Wort für Wort in der Präsentation gestanden hatte, weil ich ihn genau so in meine Zusammenfassung übernommen hatte. Dass der Junge diese Worte nun so unschuldig wiederholte, ließ mir einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Doch ich schüttelte dieses Gefühl schnell wieder ab. Es war nicht von Belang und schließlich hatte der Junge genau das gesagt, was 276-FR hatte hören wollen und er war noch nicht fertig damit.

»Unsere Gemeinschaft ist unsere Stärke.« Bei diesen Worten lächelte der Junge, denn sie waren ihm auch vorher schon mehr als vertraut gewesen. Sie hingen in ganz Casacor aus, genau unter den Abbildungen des Präsidenten und waren sogar in großen Buchstaben in die Statur des ersten Präsidenten auf dem großen Platz eingraviert. Diese Worte konnte man gar nicht vergessen. Ich schaute mich ich Saal um und sah, dass nun fast alle Kinder ein stolzes Lächeln trugen. 276-FR schien das zu gefallen, denn sie beendete den Unterricht und erklärte, dass sie das Thema in der nächsten Stunde weiterführen würden.

Ich schloss das Dokument auf meinem Screen und legte sowohl die schriftliche Zusammenfassung, wie auch die Videoaufzeichnungen unverschlüsselt in die Cloud, damit sowohl die Kinder, als auch 568-GT ohne Probleme darauf zugreifen konnten. Dann stand ich auf und verließ den Raum.

Es dauerte keine fünf Minuten, nachdem ich an meinen Arbeitsplatz zurückgekehrt war, da flog auch schon die Tür meines Chefs auf und er kam rot vor Wut und mit todeslustigem Glanz in den Augen am meinen Platz. Verdammt! Ihn und die Nachricht von der Konsulin hatte ich schon wieder ganz verdrängt und war deshalb nun absolut nicht auf das vorbereitet was kam. Ich wusste, dass ich mich nicht zu erklären brauchte. Es hätte ihn ohnehin nicht interessiert. Stattdessen blickte ich starr einige Zentimeter an der tobenden Gestalt meines Chefs vorbei und versuchte die Tiraden, die er über mich ergehen ließ auszublenden. Gut, dass er nun eine Sieben als Assistenz hatte, bei allen anderen hätte er sich so ein Auftreten nicht erlauben können. Die Kollegen, die ebenfalls im Gang saßen, bemühten sich beschäftigt zu wirken und versteckten sich hinter ihren transparenten Screens.

Nachdem er fertig war kehrte ich zu meinen Tagesaufgaben zurück. Ich hatte noch eine Stunde, um die Aufgaben für 568-GT fertigzustellen, die er bis zwölf haben wollte. Danach würde der Tag ruhiger werden, sobald mein Chef zum Lunch mit der Konsulin aufbrach.

Kurz vor zwölf klopfte ich leise an die Bürotür von 568-GT und zuckte zusammen, als die barsche Stimme von drinnen mürrisch brummte. Ich öffnete die Tür einen Spalt breit und linste herein, bereit die Flucht zu ergreifen, sollte sich seine Wut noch immer nicht gelegt haben.

»Komm schon rein, 13!«, murrte er und sah überraschenderweise von seinem Screen auf. Ich schob mich durch die Tür und blieb in sicherem Abstand zu seinem Schreibtisch stehen. Noch mehr Beleidigungen wollte ich mir heute nicht antun. Dann räusperte ich mich kurz.

»Alle Aufgaben sich erledigt. Der Antrag ist in ihrer Cloud gespeichert, aber ich habe ihn auch noch mal für Sie ausgedruckt, falls Ihnen das lieber ist.« Ich durchquerte mit schnellen Schritten den Raum und legte die Mappe mit dem synthetischen Papier vor ihn auf den Tisch. Nur er wollte noch ausgedruckte Blätter haben. Echtes Papier aus Holz und Zellstoff gab es schon seit Ewigkeiten nicht mehr und auch synthetisches Papier wurde kaum noch verwendet, weil alle ihre Screens oder die IDs nutzen.

»Ansonsten habe ich die Arbeiten korrigiert und Ihnen zum Einsehen ebenfalls in die Cloud gelegt. Sobald Sie es abgesegnet haben, werde ich die Bewertungen in die zentrale Cloud hochladen.« Ich verstummte, als mir auffiel, dass er mich noch immer nicht unterbrochen hatte und löste nun zum ersten Mal den Blick von meinen ineinander verschränkten Händen. Er starrte mich an. Es war mir dermaßen unangenehm, dass ich wieder begann, meine Hände aneinander zu reiben, wie ich es immer tat, wenn ich nervös wurde. Ich wartete auf eine Reaktion von ihm, die allerdings nicht kam.

»Haben Sie sonst noch etwas, dass ich erledigen soll, ansonsten wäre es vermutlich Zeit für Sie, sich auf den Weg zu machen.« Das schien in wachzurütteln, denn nun schaute er auf die Mappe, die ich kurz zuvor auf seinen Tisch gelegt hatte und anschießend wieder zu mir.

»Nein, 13. Das wäre dann alles.« Ich nickte und drehte mich um, um den Raum wieder zu verlassen. Was für eine merkwürdige Situation und was für ein noch merkwürdigeres Gespräch.

Nachdem 568-GT endlich gegangen war, verging der Tag um ein Vielfaches schneller. Ich hatte noch zwei weitere Unterrichtseinheiten begleitet und ein paar letzte Aufgaben erledigt, um pünktlich nach Hause gehen zu können. Die Tagespläne waren so streng, doch wenn es um einen freien Nachmittag ging, dann war es plötzlich gar kein Problem mehr, länger arbeiten zu müssen.

»Len!« Ich schaute auf und sah ein vertrautes Gesicht auf mich zukommen.

»Hey, Enola!«, begrüßte ich die junge Frau mit dem dunkelblonden Zopf und den kastanienbraunen Augen, die mit mir studiert hatte. Auch Enola arbeitet jetzt im Sekretariat für Jugendbildung, nur in der Position meines Chefs. Als Drei war es ihr wesentlich einfacher gefallen, einen guten Job zu finden.

»Kommst du später zur Parade?«, fragte sie und lächelte mich an. Neben Syxt hatte es nicht viele Menschen gegeben, die mich ohne Vorurteile betrachtet hatten. Auch Enola und unser gemeinsamer Freund Pius waren anfangs zögerlich gewesen. Schließlich waren sie eine Zwei und eine Drei und es würde in ihrer ID vermerkt werden, dass sie sich mit einer Sieben abgaben. Aber Syxt hatte ihnen schnell klar gemacht, wie egal ihr die Meinung der anderen war und Enola und Pius hatten sich dieser Meinung irgendwann angeschlossen.

»Als hätte ich eine Wahl«, gab ich zurück, aber lächelte über meine Worte. Die Parade fand immer am ersten Mittwoch des Monats statt. Die Anwesenheit war obligatorisch und durch unsere IDs gab es auch keine Möglichkeit dieser Verpflichtung zu entgehen.

»Aber Syxt und ich wollen danach noch ausgehen. Syxt hat die Assistenz im Hospital bekommen. Hast du Lust, uns zu begleiten? Dann können wir Pi noch Bescheid geben.«

»Ich weiß nicht.« Ihre Miene wurde besorgt und ich wusste sofort, dass es etwas nicht stimmte. Normalerweise war Eno immer für einen entspannten Abend zusammen zu haben.

»Ist alles in Ordnung, Eno?« Ich stand auf und ging um den Schreibtisch zu ihr. Sofort überkam mich ein seltsames Gefühl.

»Ja, das schon. Aber es wird schon wieder geredet. Kennst du noch 492-HK?« Hector King war auch mit uns in der Klasse gewesen.

»Natürlich kenne ich Hector noch. Er war doch immer mit den Rebellen zusammen gewesen.« Bei dem Wort ›Rebellen‹ machte ich Anführungszeichen mit den Händen in der Luft und musste grinsen, weil der Gedanke an Rebellion so lächerlich wirkte. Doch Enola zuckte bei dem Wort zusammen und schaute sich schnell in alle Richtungen um.

»Was ist?«, fragte ich und tat es Eno gleich, als würden wir jemanden suchen.

»Hector ist verschwunden, Len«, sagte Enola leise und trat noch einen Schritt näher an mich heran, damit niemand unser Gespräch belauschen könnte.

»Es wird behauptet, er wäre mit echten… naja… du weißt schon – er wäre mit echten Rebellen zusammen gewesen.« Den letzten Teil des Satzes sagte sie so leise und schnell, dass ich Probleme hatte, ihn zu verstehen. Doch ich hatte ihn verstanden. Ich hatte ihn ganz sicher verstanden. In meinem Magen zog sich etwas zusammen. War das Angst? Oder doch etwas anderes? Wir hatte in den letzten Wochen und Monaten immer wieder Leute darüber flüstern hören, dass Menschen verschwanden. Einfach so, als hätten sie nicht existiert. Niemand wusste, wohin sie verschwanden oder was mit ihnen passierte. Aber wenn Enola recht hatte, dann gab es nicht mehr viele Erklärungsmöglichkeiten für Hectors Verschwinden. Sollte er wirklich ein Rebell sein? Gab es so was wie Rebellen überhaupt? Der Gedanke ließ mich erzittern. Das wäre grausam! Wir lebten schließlich in einer friedlichen Welt. Und doch war da ein Gedanke, der mich nicht losließ. Eine Welt ohne Kategorien – wie das wohl sein würde? Ein normales Leben ohne Ausgrenzung. Ein Leben, in dem nicht nach dem Aussehen über eine Person geurteilt wird, sondern nach dem, was ihn wirklich ausmacht. Seinem Inneren. Seinen Taten und Gedanken. Ich verdrängte diese Gedanken. Sie waren es nicht wert gedacht zu werden. Schließlich würde sich ohnehin nichts ändern. Zwei Drittel der Bevölkerung Casacors bildeten Einser, Zweier und Dreier und denen ging es gut, niemand würde sich einer solchen sinnlosen Vorstellung anschließen!

Enola war schließlich wieder an ihren eigenen Arbeitsplatz zurückgekehrt, hatte aber versprochen, sich zu melden und auch Pius Bescheid zu sagen. Ich selbst freute mich schon sehr auf den Abend mit Syxt. Viel Freizeit bekamen wir nicht. Dennoch blieb oftmals genügend Zeit sich mit Freunden zu treffen. Aber wirklich auszugehen, dass war selten und damit etwas besonderes. Gerade die Tatsache, dass Syxt nun endlich ihren Traum verwirklichen konnte, machte es noch viel schöner.

Es war fast vier Uhr und damit Zeit nach Hause zu gehen. Ich hatte seit heute Mittag nichts mehr von 568-GT gehört und fragte mich nun, ob er überhaupt in sein Büro zurückgekehrt war, nach dem Lunch mit der Konsulin. Ich stand auf und ging zu seiner Bürotür, nicht sicher, welchen Vorwand ich haben könnte ihn zu stören. Doch das schien mir nun unwichtig. Schließlich hing auch mein Job an diesem Gespräch mit der Konsulin.

Ich klopfte, bevor ich wusste, was ich ihm sagen würde. In meinem Kopf wirbelten die Gedanken nun durcheinander und meine Atmung wurde schneller. Was wenn er noch schlechter drauf war als heute Mittag? Was konnte ich sagen? Kommen Sie heute auch zur Parade? Könnte ich vielleicht mal bei Ihnen aus dem Fenster schauen? Wurden Sie heute gefeuert? Allerdings schien all das keine Rolle zu spielen, denn von drinnen kam keine Reaktion, nicht mal das leise Schnauben, was er manchmal von sich gab, wenn er genervt war. Vorsichtig berührte ich die Türklinke und versuchte sie herunterzudrücken, doch bevor ich die Chance dazu bekam, hörte ich eine Stimme hinter mir.

»Aleyna Victoria Sola?«, hörte ich eine fremde Stimme hinter mir. Ich drehte mich nur zögerlich um. Wie sollte ich erklären, dass ich versucht hatte in das Büro meines Chefs zu gehen, wenn er doch offensichtlich nicht da war. Als ich den Kopf hob, stand da eine wunderschöne hochgewachsene Frau mit stechend blauen Augen und langen blonden Haaren, die aussahen, als würde sich flüssiges Gold über ihren Schultern ergießen. Sie kam mir vage bekannt vor, doch ich konnte nicht sagen woher genau.

Eine frühe Erinnerung aus der Zeit, nachdem meine Mutter gestorben war, kam mir wieder in den Sinn und das Bild einer Frau erschien vor meinem inneren Auge, die auf mich hinabblickte und dann den Kopf hob, um mit einer Person hinter meinem jüngeren Ich zu sprechen. Doch wer war sie? Während ich sie so betrachtete und mich die Trauer über den Verlust meiner Mutter übermannen wollte, fiel es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen.

»Ja?«, erwiderte ich und runzelte die Stirn. »Das bin ich.«

»Hallo, es freut mich dich kennenzulernen. Ich bin Kethlin Vasco, die Konsulin für Wissenschaft und Bildung in Casacor.« Eine leichte Panik erfasste mich und das vage und doch beängstigende Gefühl, dass dieses Gespräch nicht zu meinen Gunsten ausgehen würde, beschlich mich.

Kethlin Vasco mustere mich aus freundlichen und doch wachsamen Augen.

»Oh, du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Ich wollte dir nur mitteilen, dass wir deinen Vorgesetzten, 568-GT, versetzen mussten.« Versetzen mussten? Mir rauchte der Kopf. Warum sollten sie ihn versetzt haben! Doch wohl viel eher gefeuert, wegen der Situation ins Sektor 408. Mir kamen so viele Gedanken in den Kopf und mir viel es zunehmend schwerer, diese zu sortieren und einzuordnen.

»Was ist mit mir?«, brachte ich schließlich hervor.

»Wie ich bereits sagte, du musst dir keine Sorgen machen. Wir würden uns allerdings freuen, wenn du in den nächsten Tagen die obligatorischen Aufgaben übernehmen könntest, bis wir Ersatz gefunden haben. Die Lehrveranstaltungen werden wir an andere Dozenten weiterleiten, aber für almes weitere wärst du zunächst zuständig und ich bin mir sicher, dass du das schaffst.« Ihre Stimme klang so zuversichtlich, dass es mir schwer viel meine Zweifel zu äußern. Und dennoch hatte ich absolut keine Ahnung, was 568-GT sonst so den ganzen Tag gemacht hat. In meinem Kopf fuhren die Gedanken Achterbahn und ich hatte das dringende Bedürfnis, mich irgendwo hinzusetzen.

»Solltest du Fragen haben, kannst du dich sehr gern, an die anderen Bereichsleiter wenden, die in den Büros nebenan sitzen. Aber ich bin mir sicher, dass du alles ohne Probleme erledigen wirst.« Sie lächelte mich aus diesen eisblauen Augen an und irgendwie hatte ich dabei das Gefühl, dass das Lächeln nicht so ehrlich war, wie es den Anschein hatte, sondern sie eher versuchte in meinen Kopf zu schauen.

»Ich werde jetzt gehen müssen. Es war mir eine Freude dich kennengelernt zu haben, Aleyna!« Und so schnell wie diese seltsam anmutende Frau gekommen war, war sie auch schon wieder verschwunden.

Erst viel später wurde mir etwas klar. Diese Frau, die eine der engsten Vertrauten des Präsidenten war, die Frau, die die Regeln der Regierung anbeten musste, diese Frau hatte mich nicht bei meiner Kennung, sondern als erste Person seit vielen Jahren, mit der ich nicht befreundet war, beim Namen genannt. Meinem echten Namen. Aleyna Victoria Sola.

Fortschritt
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